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(c) Simon Fowler/Warner

Philippe Jaroussky

Hoch-Genuss Händel

Der französische Countertenor legt mit seinem Ensemble Artaserse erstmals ein reines Händel-Album vor – mit einigen Raritäten.

Sieben Jahre ist es her, da brachte Jaroussky sein Album mit Caldara-Arien heraus. Seine Stimme klang damals im Vergleich ungewöhnlich hoch, fast sopran-artig. Damals sagte er im Interview: „Es ist nur eine Frage der Farbe! Ich habe keine besonders hohe Stimme, meine Basis ist nicht Tenor, sondern Bariton. Aber meine Stimme ist von Natur aus sehr leicht.“ Nun legt er nach und widmet sich einer sehr persönlichen Auswahl von Händel-Arien, mit denen er auch auf Tour gehen wird. Aus Termingründen reicht es leider nur für ein Telefoninterview, außerdem ist Jaroussky nicht ganz in Form. „Ich bin ein bisschen krank. Es ist meine Spezialität, immer genau zwischen zwei Tourneen krank zu werden“, entschuldigt er seine eventuell mangelnde Konzentration.
Genau vor einem Jahr kam seine Einspielung mit Bach- und Telemannkantaten „Sacred Cantatas“ heraus. Und nun Händel, ein weiterer Meister des barocken Kernrepertoires. Sind die Zeiten der Ausgrabungen, der Raritäten vorbei? „Als ich angefangen habe mit Einspielungen und der Planung von Konzertprogrammen, war ich vor allem sehr neugierig auf Unbekanntes. Ich habe deshalb sehr viele Konzeptalben gemacht und Ersteinspielungen. Es ist nach wie vor schön, Dinge zu entdecken. Aber die Hinwendung zum Kernrepertoire hängt vielleicht mit meinem Alter zusammen, denn ich werde im nächsten Jahr 40! Jedenfalls habe ich realisiert, dass das Kern- , oder Hauptrepertoire nicht umsonst so geschätzt wird, denn es ist eben besonders schön und genial.“
Und tatsächlich: Auch Jarousskys edel timbriertes Organ klingt gereift und runder, ohne seine oft als engelhaft beschriebene helle Süße verloren zu haben. „Ich habe in den letzten Jahren intensiv an meiner Technik gearbeitet, und meine Stimme hat sich sehr verändert. Die Mittellage ist solider, die Stimme insgesamt größer geworden.“

Reife Rollenstudien

Für einen Countertenor ist Händel eigentlich ein Muss. Daher gibt es nicht gerade einen akuten Mangel an Händel-Alben auf dem Markt. Von den berühmten Counter- Kollegen, aber auch von Mezzo- Sopranen. Warum also ist Jaroussky verhältnismäßig so spät dran mit „seinem“ Händel?
„Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr Händel auf der Bühne gesungen, und diese Erfahrungen haben meine Einstellung verändert. Klar, ich habe auch gedacht: Das ist vielleicht nicht das originellste Projekt, Händel einzuspielen, aber Händel ist einfach toll zu singen! Und tatsächlich ist das ja auch ein Mix geworden mit der Option, eben nicht die berühmtesten Arien noch einmal aufzunehmen, also Giulio Cesare, Rinaldo, Agrippina. Und ich wollte mich konzentrieren auf Arien, die ich immer schon geliebt habe. Wie zum Beispiel ‚Se potessero i sospir’ miei‘ aus ‚Imeneo‘. Diese Arie habe ich immer schon geliebt!“
Dieses wahrlich betörende Sehnsuchts-Stück in langsam wiegendem Rhythmus steht am Anfang des Albums. Endlich einmal nicht die übliche knatternde Koloratur-Virtuosen-Gala zum Auftakt. Und das ganz bewusst: „Ich wollte nicht so sehr die brillanten Arien in den Vordergrund stellen, sondern etwas viel Emotionaleres transportieren. Ich wollte den intimeren Händel zeigen.“
Tatsächlich sind es besonders die langsamen, oft sparsam instrumentierten Arien, die in den Bann ziehen. Schier endlose Haltetöne wie in „Ombra cara“ aus „Radamisto“ strömen seraphisch, Jarousskys Stimme klingt völlig frei, formuliert mit höchster Delikatesse und Intensität. Aber es gibt auch ein paar virtuose „Ausreißer“ wie „Agitato da fiere tempeste“ aus „Riccardo Primo“, dessen heikle Koloraturen der Counter mit alter Brillanz meistert. „Ich singe heute solche virtuosen Arien nur noch, wenn sie für mich bequem sind. Es gibt wirklich schwerere als diese! Nein, ich wollte es bequem auch deshalb, um einen natürlichen, unverkünstelten Ausdruck zu erreichen und eine tiefere Intensität. Dadurch bin ich auch näher dran an meinen Musikern. Und am Inhalt der Worte.“
Vier Arien hat er inklusive der davor geschalteten Accompagnato- Rezitative eingespielt: „Man kann sonst die Situation nicht verstehen und man erfährt so viel über den Charakter der Figur“. Charakter ist ein gutes Stichwort, denn in der Tat gelingt es Jaroussky, über das musikalisch- klangliche Ereignis hinaus mit jeder Arie Situationen und Figuren zu beglaubigen, jede Szene ist eine Welt für sich. Seine Stimme will Jaroussky nicht mehr zu Höchstleistungen zwingen, es geht ihm jetzt um andere Werte: „Ich will heute ehrlicher sein mit meiner Stimme. Deshalb habe ich stellenweise auch leicht transponiert! Das ist durchaus legitim, denn Händel hat für wechselnde Sängerbesetzungen auch transponiert. In meinen ersten Jahren habe ich meine Stimme den Arien angepasst. Jetzt mache ich es umgekehrt! Denn wenn ich zu schwere Arien singe mit vielen hohen Tönen kann ich nicht so frei sein, wie ich will.“

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

The Händel Album

Philippe Jaroussky, Ensemble Artaserse

Erato/Warner


Musik am Brennpunkt

Wenn Philippe Jaroussky nicht auf Tour oder im Tonstudio ist, widmet er sich im kürzlich neu eröffneten Pariser Konzerthaus „La Seine Musicale“ im Stadtteil Boulogne- Billancourt seiner eigenen Akademie: L‘Académie Musicale Philippe Jaroussky begreift Musik als Kraft der sozialen Integration. Sie fördert im Rahmen einer langfristigen Begleitung Kinder und Jugendliche in den Altersklassen von 7 bis 12 bzw. 18 bis 25 Jahren, die vielleicht nicht die finanziellen und Mittel haben, eine musikalische Ausbildung zu machen. In der höheren Altersklasse versteht sich Jarousskys im September gestartete Initiative als Ergänzung der Arbeit der Konservatorien und Hochschulen.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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