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Odradek

Zum Anbeißen

Von Künstlern. Für Künstler. Das italienische CD-Label arbeitet mit ungewöhnlichen Geschäftsmethoden. Und hat damit Erfolg.

Doch, diese CD in der hands chme i chelnden Glanzpappklapphülle, die ich von dem freundlich und offen, sogar ein ganz klein wenig messianisch dreinblickenden Mann bekommen habe, fühlt sich gut an. Sie sieht auch gut aus. Gediegene Fotooptik, ein persönliches Statement der Künstlerin, ein wissenswerter Aufsatz, fehlerfrei übersetzt. Sie enthält eine spannende Werkauswahl, das Schönberg-Klavierkonzert kombiniert mit dem dritten der gleichen Gattung von Béla Bartók. Diese so virtuos wie feinsinnig gespielten Werke betten zwei kürzere Orchesterstücke ein, Schönbergs Begleitmusik zu einer Lichtspielszene und Ernst Kreneks Sinfonische Elegie für Streicher. Hier produzieren sich das Lettische Liepāja Symphony Orchestra unter Atvars Lakstīgala und die italienische Pianistin Pina Napolitano. Von keinem habe ich je vernommen, aber diese Scheibe kann sich mehr als nur hören lassen.
Gut, die Signora Napolitano, die viel freundlicher als auf den Fotos blickend mir ebenfalls gegenübersitzt, ist zufälligerweise die Gefährtin des Amerikaners John Anderson. Aber auch sie hatte sich ohne Namensnennung und Foto mit einem Demoband bei der Webplattform anonymuze. com bewerben müssen, wo dann eine wiederum anonym um Anderson rotierende Jury von Musikern darüber zu entscheiden hatte, ob man diesem Projekt Chancen auf dem CD-Markt gibt, sprich: ob man es musikalisch interessant fand. Dann nämlich erst produziert der ehemalige Pianist Anderson, neuerdings in größeren, schöneren Räumen im italienischen Montesilvano-Pescara, die Aufnahmen und eine CD, um sie auf seinem Label Odradek zu veröffentlichen.
Bei dem natürlich auch der Name seltsam klingt. Aber das ist ja hier Programm. Er war ebenfalls ein Vorschlag von Pina Napolitano, die zudem examinierte Slavistin ist und sich bei Franz Kafkas Text „Die Sorge des Hausvaters“ bediente. Odradek ist eine rätselhafte und vieldeutige, am Anfang dingartige, im weiteren Verlauf jungenhafte Gestalt. Die Figur wird zumeist als Frage nach einem Sinn gedeutet, da die Auflösung seines Wirklichkeitsstatus und seines Sinns im Text unklar bleibt. Der Erzähler selbst bezeichnet das Wesen und den Sinn Odradeks ausdrücklich als unverständlich.
So will das Label gar nicht sein, das als Motto ausgibt: „Let Freedom Swing. Self Selecting. Self Governing. A True Independent.“ Die Künstler zahlen nach der Genehmigung durch die Jury eine Summe X, die Aufnahme, Herstellung, Vertrieb und Promotion abdeckt. Ist das verdient, fließt jeder weitere Erlös an den Interpreten. Das System scheint zu funktionieren, 15 Ensembles, 17 Frauen und 17 Männer hat John Anderson inzwischen unter Vertrag. Sie spielen, was sie möchten und auch anderen gefallen hat, und verkaufen das auch. Die Odradek- CDs konzentrieren sich bisher weitgehend aufs Klavierrepertoire, aber inzwischen gibt es sogar eine Jazz-Seitenlinie. Seit 2012 entwickelt sich das Label munter für sich weiter. Anderson verdient sein Geld mit seinem Studio und auch mit Konzerten, die er seit einiger Zeit für Odradek-Künstler veranstaltet. Haben die nämlich CDs, auf denen sie sich gut wiedergegeben fühlen, beißen auch immer mehr Veranstalter an. Ein Kreislauf, der funktioniert. Selbst in der CD-Krise.

odradek-records.com

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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