home

N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

Unerhört! Wagners „Tannhauser“

Monaco (MC), Opéra de Monte Carlo

Nein, da fehlt kein „ä“. Dieser „Tannhauser“ schreibt sich ohne Umlaut. So wie er 1861 in der Pariser Opéra erstmals erklang. In der Welthauptstadt der Oper wollte der 47-jährige Richard Wagner endlich ernst genommen werden. Was als Triumph geplant war, wurde einer der größten Theaterskandale des 19. Jahrhunderts. Die Besucher waren mit der Länge und Komplexität überfordert. Es dauerte fast dreißig Minuten, bis nach Ouvertüre und doppelt so langer Venusbergszene mit dem Tanzbacchanal der erste Gesangston zu hören war.
Dieser „Tannhäuser“ auf Französisch wurde selbst in Frankreich zuletzt vor dem Ende des zweiten Weltkriegs gegeben. Deshalb hörte man jetzt an der Opéra de Monte Carlo mit staunensweiten Ohren zumindest im ersten Akt ein fast neues Stück. An der Spitze des mit gallischem Esprit spielenden Orchestre Philharmonique stand die Altistin Natalie Stutzmann. Sie verstand es vom ersten Ton an, dieser Musik einen eben nicht teutonischen Klang zu geben. Denn Wagner hatte ja nicht nur über ein Jahr lang 164 Ensembleproben angesetzt, er hatte unter dem Eindruck des vollendeten „Tristan“ die Venusbergmusik chromatisch raffiniert gebrochen, neu zum Schillern gebracht. Stutzmann ließ das mit delikater Sinnlichkeit, sirrenden Streichern und wollüstigen Holzbläsern erklingen. Und die Worte klangen in französischen Reimen mehr nach eleganter Konversation statt klobigem Pseudomittelalter.
Hausherr Jean-Louis Grinda inszenierte konventionell, aber mit Pfiff. Während Jorge Jaras Kostüme die Zwanzigerjahre widerspiegeln, hat Laurent Castaingt die Minibühne durch eine Art halbe Schneekugel für Projektionen erweitert. Aus der soliden Besetzung ragt als Henri Tannhauser in einem gelungenen Rollendebüt – José Cura. Der argentinische Startenor zeigt schonungslos einen gealterten, ausgebrannten Rebellen, mit veristischen Untertönen, geschickt lyrisch genommenen Höhen und auftrumpfender Mittellage. Somit ist diese „Tannhauser“-Sensation am Mittelmeer perfekt. Und Bayreuth für 2019 im Zugzwang.

Roland Mackes, 01.04.2017, RONDO Ausgabe 2 / 2017



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Kaiserin im Reich von Pop und Soul

Jerry Wexler, der legendäre Produzent von Atlantic Records und Mann hinter den großen Erfolgen […]
zum Artikel

Da Capo

Salzburger Festspiele (A)

Ein peinlich spätes Debüt von Peter Konwitschny als Opernregisseur bei den Salzburger […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Für sein aktuelles Album hat der Trompeter Matthias Höfs ein Werk ausgegraben, das als das einzige ernstzunehmende romantische Trompetenkonzert des 19. Jahrhunderts gilt. Es stammt aus der Feder des deutsch-russischen Komponisten Oscar Böhme. Der 1870 bei Dresden geborene Komponist studierte in Deutschland und Ungarn und emigrierte anschließend nach Russland und nahm die russische Staatsangehörigkeit an. Trotz seiner Bemühungen um eine perfekte Integration in die russische Gesellschaft […] mehr


Abo

Top