Startseite · CD zum Sonntag

16. — 22. Februar 2019

Mozart war neun Jahre alt, da komponierte Georg Christoph Wagenseil seine Sammlung von sechs Konzerten für Orgel oder Cembalo, zwei Violinen und Basso continuo. Mit einem Bein stand er im Barock (als Lieblingsschüler von Johann Joseph Fux) und dem anderen in der Wiener Klassik (als Lehrer von Königin Marie Antoinette und Johann Baptist Schenk, der wiederum Ludwig van Beethoven unterrichtete). Heute kennt ihn so gut wie niemand mehr, dabei prägten seine Werke die klassische Tonsprache ganz entscheidend, war er doch sowohl für Haydn als auch Mozart, die seine Kompositionen studierten, ein geschätzter Kollege. Seiner Wiederentdeckung hat das Ensemble „Piccolo Concerto Wien“, hier 2012 mit Solistin Elisabeth Ullmann, nun schon drei Alben gewidmet, und zurecht: Niemand würde dem bärbeißigen Herrn in der barocken Allonge-Perücke, wie Wagenseil überliefert ist, so einfallsreiche, sanglich-melodische, tänzerisch beschwingte – eben Wiener Orgelkonzerte zutrauen. Der süß-hölzerne Klang einer kleinen Kirchen- oder Kammerorgel harmoniert auch prima mit den nur kammermusikalisch besetzten Streichern. Die richtige Musik für ein frühlingshaftes Februarwochenende.

09. — 15. Februar 2019

Geht beides gleichzeitig: seiner Zeit hinterherhinken und ihr voraus sein? Was paradox anmutet, drängt sich als Frage bei Ottorino Respighi geradezu auf. Er war durch und durch Romantiker, und das auch und vor allem im 20. Jahrhundert. Ganz selbstverständlich griff er zur großen Farbpalette des spätromantisch besetzten Orchesters für seine berühmte Trilogie aus Rom, aber auch für unbekanntere Kompositionen wie die vier Orchester-Impressionen „Vetrate di chiesa“, also „Kirchenfenster“. Diese vier Stücke klingen zugleich aber zum Teil (schon) wie heutige Fantasy-Filme! Etwa der Kampf zwischen Erzengel Michael und dem Drachen im 2. Stück, oder das grandiose Orgelsolo in der vierten Impression, wenn eine kirchliche Aura geschaffen wird für das inbrünstige Gebet der Heiligen Klara. Die Mittel also, die Respighi für dieses Werk aus den 1930ern ergriff, waren nicht mehr en vouge und zugleich noch nicht en vogue. Je nachdem, in welchem Kontext man diese Musik hört. Fantastisch instrumentiert sind die „vetrate di chiesa“ wie auch die anderen Kompositionen von Respighi auf dieser CD („Trittico botticelliano“ und „Il tramonto“) in jedem Fall und eine Entdeckung für alle, die bisher Respighi nur mit „Fontane di Roma“ assoziiert haben. Eine Kuriosität am Rande: Die außermusikalischen Beschreibungen zu den vier „Kirchenfenstern“, die hier mit Musik illustriert werden, haben Respighi und der Librettist Guastalla sich erst nach der Komposition ausgedacht! Die Musik versinnbildlicht also nicht das Programm, die Titel versinnbildlichen vielmehr die Musik. Und diese erzählt eben selbst schon jede Menge Geschichten.

02. — 08. Februar 2019

In Bewegung: Wie sehr der „Zyklus schauerlicher Lieder“, als den Franz Schubert seinen Freunden 1827 die „Winterreise“ ankündigt, die Schrecken und Nöte des 20. Jahrhunderts vorwegnehmen sollte, wird keinem der Anwesenden auch nur gedämmert haben. Ein Aus-der-Zeit-gefallen sein wurde darin gelesen, wonach Schubert bereits das Ende der Romantik gestaltet habe, ebenso wie eine chiffrierte Kritik am Polizeistaat der Restaurationszeit unter Metternich. Kein anderer Liederzyklus half den Generationen zwischen und nach den Kriegen, das Erlebte künstlerisch immer wieder zu umkreisen und ausgedrückt zu erleben. Der bei der Häufigkeit der Aufführung zugleich einhergehende Abnutzung des Erlebens wollte der Komponist Hans Zender entgegentreten, in dem er vor gut einem Vierteljahrhundert seine „Komponierte Interpretation für Tenor und Kammerensemble“ schrieb. Darin fächert er sowohl die Klavierbegleitung in eine Fülle von Klangfarben auf, schreckt aber auch nicht vor schärfenden, aktualisierenden Eingriffen zurück, etwa dem fast ins Endlose erweiterten Beginn der hastig in die Nacht eilenden Schritte des Wanderers. So erreicht er sein Ziel: Ein Aufhorchen und waches Neuhören der für unsere Ohren schon in Routine verpackten Müller-Schubertschen Schrecken. Es wird an der Partitur geschabt und gekratzt, geflüstert und gefroren. Aber der Kern des Werkes nicht beschädigt, sondern freigelegt.
Mit ihrer Aufnahme vom Herbst 2018 erinnern der Tenor Julian Prégardien und die Deutsche Radio Philharmonie unter Robert Reimer an die bereits 25 Jahre alte Bearbeitung Zenders. Der junge Prégardien zeigt sich in der Bandbreite seiner Gestaltungsmittel und Stimmbeherrschung als Idealbesetzung, er trägt den Zyklus und fügt sich doch gut im kammermusikalischen Geist in das Ensemblegeschehen ein. Diese Wiederbegegnung mit Zenders „Winterreise“ präsentiert den Zyklus erfreulich aktuell geblieben.

26. Januar — 01. Februar 2019

Abschied und Neubeginn: Das gehört bei Streichquartetten irgendwann dazu, denn nicht jede Vierer-Formation besteht durch Jahre und Jahrzehnte unverändert. Ein Quartett ist nicht nur eine künstlerische Konstellation, sondern auch eine Lebens-, eine Schicksalsgemeinschaft. Daher ist auch jede personelle Veränderung eine spannende Angelegenheit und ein manchmal schmerzhafter Prozess. Derzeit und noch bis Ende April gibt das Artemis Quartett eine weltweite Abschiedstournee in seiner aktuellen Besetzung. Der Cellist Eckard Runge, das letzte Gründungsmitglied, und Geigerin Anthea Kreston verlassen die erfolgreiche Kammermusikformation, um sich anderen Projekten zu widmen. Ihre Nachfolger sind Suyoen Kim (Geige) und Harriet Krijgh (Cello), die man ab Mai im Quartett willkommen heißt. Dann wird das Erbe an die „Neuen“ weitergegeben mit einer Reihe von Konzerten, in denen die bisherigen vier Mitglieder gemeinsam mit den Neuzugängen das Brahms-Sextett und andere Werke aufführen werden. Wer sich das Artemis Quartett nochmal in der alten Besetzung und in unbestreitbarer Höchstform anhören will, dem sei diese Einspielung mit den drei Brahms-Quartetten aus dem Jahr 2015 ans Herz gelegt. Da spielt allerdings noch Friedemann Weigle die Bratsche, dessen Position nach seinem Tod im Sommer 2015 der Geiger Gregor Sigl übernahm. Mit Kreston, die daraufhin die Geigen-Vakanz besetzte, entstand keine gemeinsame Einspielung. Nun also wird der Staffelstab weitergereicht. Gut, dass uns die Aufnahmen des Artemis Quartetts auch an die vergangenen Konstellationen erinnern werden.

19. — 25. Januar 2019

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Johannes Brahms, dass er sich aus notorischem Selbstzweifel mit manchen Gattungen seiner Zeit so schwer getan hat. Andererseits war dadurch auch seine Kreativität herausgefordert, eigene Wege zu beschreiten. Am 18. Februar 1869, also vor fast genau 150 Jahren, wurde nach langen Umstellungen und Ergänzungen sein „Deutsches Requiem“ uraufgeführt. Erst auf den zweiten Blick offenbart das Werk, das dem 33-jährigen den Durchbruch verschaffte und bis heute auch zu seinen meist Aufgeführten gehört, einen merkwürdigen Zwittercharakter. Eine katholische Totenmesse wollte der Hamburger Protestant sicher nicht schreiben, und die lutherische Liturgie bot keine Parallel an – wohl aber eine lange Tradition der Vertonung von Bibelsprüchen. So ergab sich für den gewieften Chorleiter Brahms, dessen geliebte Mutter 1865 gestorben war, ein Sonderweg, sein Verständnis dessen, was den Menschen im Angesicht des Todes bewegt, in Musik zu übersetzen. Schon Zeitgenossen zeigten sich angesichts der Spruchsammlung irritiert, denn bei Brahms stand nicht die Verabschiedung der Verstorbenen im Mittelpunkt, sondern der Trost der Hinterbliebenen. Als ihn der Dirigent der Uraufführung bei der Vorbereitung darauf ansprach, dass jeglicher Christus-Bezug fehle, antwortete Brahms, das habe er „mit allem Wissen und Willen“ getan, und er charakterisierte seine Textauswahl selbst nicht ohne Spott als „heidnisch“. Zwar gibt es Parallelen zur Totenmesse, etwa den der Vergänglichkeit gewidmeten zweiten Satz, furchterregend vom Marschrhythmus der Paukenwirbel durchsetzt, aber insgesamt steht Brahms „Deutsches Requiem“ der Motette oder dem Oratorium näher als der streng der Liturgie unterworfenen Messe. Daraus speist sich aber gerade seine Beliebtheit, da der persönliche, wenig konfessionelle geprägte Tonfall der Texte, der sparsame Einsatz der beiden Solisten und die weitschwingenden Melodiebögen des Chores sanfte, tröstliche Farben tragen. In der neuen Aufnahme unter Daniel Reuss gilt das umso mehr, da der Chor, begleitet von einem historisch informierten Orchester, weniger auf Lautstärke setzen muss und mehr Spielraum zur Gestaltung behält. André Morsch ist ein passabler, wenn auch zuweilen etwas zu aufgewühlt flackernder Bariton, während Carolyn Sampson ihr Solo mit reinem Himmelsgold überschüttet.

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CD zum Sonntag:

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