Startseite · CD zum Sonntag

08. — 14. Dezember 2018

Lieder kann man herrlich auch auf einem Streichinstrument der mittleren oder tiefen Lage singen. Und ganz ohne Text! Das hat schon Bratscher Antoine Tamestit mit seiner Kombination von Schuberts „Arpeggione“-Sonate in der Fassung für Viola und Arrangements von ausgewählten Liedern bewiesen. Ein ähnliches Konzept liegt der neuen CD „Nacht“ von Cellistin Anja Lechner zugrunde, zum Teil überschneiden sich sogar die arrangierten Lieder wie „Nacht und Träume“. Und auch die Arpeggione-Sonate ist hier zu finden. Der große Unterschied: Als Begleitinstrument fungiert hier eine Gitarre, die Pablo Márquez so dezent wie gefühlvoll einzusetzen weiß. Eine ungewohnte Klangmischung, die aber bestens funktioniert und mit der zarten Musik Schuberts, der Lyrik seiner Melodien hervorragend harmoniert. Drei Originalkompositionen für diese Besetzung ergänzen die Schubert-Welt: die „Trois Nocturnes“ von Friedrich Burgmüller, einem Zeitgenossen Schuberts. Wer in den trubeligen Wochen vor Weihnachten auf der Suche nach Entschleunigung ist, für den dürfte diese musikalische Begegnung mit der Sphäre der Nacht genau das Richtige sein.

01. — 07. Dezember 2018

Im Spiegel der Zeit: Wenn sich Suzi Digby mit ihren ORA Singers an’s Thema Weihnachten macht, kann man zurecht etwas Ohrenöffnendes erwarten. Denn zu den Markenzeichen des Chores gehört neben atemberaubender Stimmbalance und Intonationsreinheit auch, dass er den Zeitensprung kultiviert: Alte Meister der Renaissance stehen neben aktuellen, nicht selten als Auftrag entstandenen Kompositionen. Durch die Konzentration auf rein vokale Musik fällt der Epochenbruch weg, der sonst durch die Beteiligung alter Instrumente sofort hörbar wird. Die goldenen Zeitalter britischer Chortradition zwischen Tallis und MacMillan, sie finden hier nahtlos zusammen – und in einer Könnerschaft der Chormitglieder, die so mühelos und fließend wirkt, dass man wie in den Bann gezogen lauscht. Da finden die Reibungen des dreistimmigen mittelalterlichen Coventry Carols ein Echo in einem melancholisch pendelnden Chorsatz von Richard Allain. Da verlieren sich die archaisch wirkenden Echogesängen des „O Adonai“ von Roderick Williams in einem mit Händen zu greifenden Himmelsraum, während Fredrik Sixten dem abgenudelten „Stille Nacht“ als Backgroundchor in seinem „Mary’s Lullaby“ wieder tröstliche Wirkung abgewinnt. Eingerahmt wird das Album von zwei Versionen der Motette „O Magnum Mysterium“ – auf William Byrd zu Beginn antwortet 76 Minuten später Morten Lauridsens berühmt gewordene Version von 1994. Dieses Album ist für sich genommen schon ein Weihnachtsgeschenk an den Hörer.

24. — 30. November 2018

Paul Ben-Haim (1897 in München als Paul Frankenburger geboren) taucht hierzulande kaum auf dem Radar der Kulturindustrie auf. Er gehört zu jener Riege an Komponisten, die vom Nationalsozialismus brutal aus Deutschland vertrieben wurden. Anders als viele seiner Zeitgenossen emigrierte er nicht nach Amerika, sondern nach Tel Aviv. Durch seine jüdische Konfession war er in Deutschland mehr und mehr gefährdet gewesen; vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte er in Bayern eine vielversprechende Karriere begonnen – zunächst als stellvertretender Chorleiter und Korrepetitor an der Bayerischen Staatsoper, danach als Kapellmeister in Augsburg. Mit der Emigration nach Tel Aviv wandelte sich auch sein kompositorischer Stil: weg vom spätromantischen Idiom hin zu einer eher kühlen, modernen, „mediterranen“ Klangsprache, wie Max Brod sie sehr treffend beschrieb: „Ihre Musik ist südlich, durchflutet von strahlendem Licht, wie die Luft der Mittelmeerländer, durchscheinend, nach Klarheit strebend, ihre Rhythmen tendieren zur Härte, einem unregelmäßigen Puls und Ostinato-Wiederholungen“. In vielen von Paul Ben-Haims Kompositionen verschmelzen allerdings die beiden Seiten – die romantische und die „mediterrane“ –zu einem unverwechselbaren Personalstil. Seine Musik begeisterte Mitte des 20. Jahrhunderts die Menschen, berühmte Musiker wie Yehudi Menuhin, Menachem Pressler, Leonard Bernstein und Jascha Heifetz trugen sie auf ihren Tourneen durch die Welt. Und heute? Paul Ben-Haim ist lange in Vergessenheit geraten. Jede gute Aufnahme seiner Werke – wie diese Einspielung mit zwei seiner Streichquartette durch das Carmel Quartet – ist daher doppelt wertvoll.

17. — 23. November 2018

Den Dreh raus: Zu den Instrumenten, die im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwinden, gehört die Drehleier. Mit ihrem Nachhall in den hohlen Winter-Quinten in Schuberts „Leiermann“ verabschiedet sie sich aus der Musikgeschichte. Dabei erfreute sie sich, als erstes Instrument, dass Saiten und Tastatur miteinander verband, das ganze Mittelalter hindurch noch eines hohen Ansehens, bevor sie zum Instrument der Bettler und fahrenden Musiker wurde. Den Höhepunkt ihrer Verehrung fand sie aber ganz plötzlich im 18. Jahrhundert, und zwar gerade durch ihre Zuordnung zum Leben der armen Leute. Der Hof von Versailles, auf der Suche nach den in Mode gekommenen Idealen der Einfachheit und Natürlichkeit, hob die Drehleier an der Seite der Sackpfeife auf die Bühne staatlicher Musikgenüsse. Komponisten wie Jean-Philippe Rameau, Joseph Bodin de Boismortier oder Michel Corrette schrieben Sonaten und Solostücke für das Instrument der Schäfer und Bauern, bei dessen schnarrendem Dauerklang sich die feine Gesellschaft so recht am Busen der Natur fühlen konnte. Auch als Begleitung von Singstimmen kam die französisch vielle á roue („Radfidel“) getaufte Drehleier zum Einsatz, etwa in der kleinen Kantate „Le bouquet“ des französischen Leidervirtuosen Jean-Baptiste Dupuits.
Als „Belle Vielleuse“, als hübsche Drehleierspielerin, tritt uns auf diesem Album von 2017 die kanadische Ensembleleiterin und Virtuosin Tobie Miller entgegen. Mit ihrem Ensemble wirft sie einen in der Beherrschung des Instruments sehr engagierten Blick auf die kurzen Jahre der musikalischen Schäfermode. Als Hörer geht man staunend durch die Klangwelt dieser Zeit, die zugleich rustikal als auch ziseliert wie feine Spitze wirkt. Das ist wahrscheinlich die erste alte Leier, von der wir gerne noch öfter hören würden!

10. — 16. November 2018

Todestage zu zelebrieren, ist eigentlich makaber. Aber irgendwie auch schön, denn so verliert das Ableben ein wenig von seiner Tragik: Wir fokussieren uns auf das, was der Nachwelt erhalten bleibt – bei Komponisten die Musik, die weiterlebt. Am 13. November 1868 und damit vor 150 Jahren starb Giachino Rossini in Paris, einer der größten Opernkomponisten seiner Zeit. Die Münchner Musikerin Raphaela Gromes legt bei Sony zu diesem Anlass eine „Hommage à Rossini“ vor – auf dem Cello! Auf der neu erschienenen CD sind, zum Teil gemeinsam mit Pianist Julian Riem, zum Teil mit dem WDR Funkhausorchester unter der Leitung von Enrico Delamboye, allerdings nicht nur Rossini-Transkriptionen zu hören sowie das einzige Originalwerk von Rossini für Cello und Klavier: „Une larme“ („Eine Träne“). Denn Werke von Martinů („Variationen über ein Thema von Rossini“) und Jacques Offenbach („Hommage à Rossini“) ergänzen dieses klingende Porträt eines großen Ausdrucks- und nicht zuletzt auch Unterhaltungskünstlers. Und das alles mit dem für das Rossini-Oeuvre natürlich ungewöhnlichen, aber der Stimme ja nicht unähnlichen Timbre des Cellos. Mit dem Offenbach-Stück gibt es zudem eine wahre Rarität zu hören, die nur dank des Forschungseifers der jungen Musikerin nun an die Öffentlichkeit gelangt. Denn die Originalseiten von Offenbachs „Hommage à Rossini“ wurden beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 zerstört und mussten erst durch den Kontakt mit verschiedenen Nachfahren-Familien und durch das genaue Studium diverser überlieferter Orchesterstimmen aufwändig rekonstruiert werden. Dass Offenbach selbst ein großer Cellovirtuose war, hört man diesem Stück an, denn seine „Hommage“ ist – wie diese ganze CD – ein Kunstwerk in Sachen Virtuosität, Melos und Klangfarben.

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CD zum Sonntag:

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