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Die "Elphi" liegt hinter ihm: Thomas Hengelbrock (c) Michael Zapf/thomas-hengelbrock.com

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Blick zurück im leichten Zorn

Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, läuft das Dirigentenkarussell nach immer demselben Rhythmus ab. Ein Chefdirigent informiert seinen Arbeitgeber rechtzeitig – also zwei, drei Jahre vor Vertragsende – über seinen Abschied, damit man sich ohne Eile um einen adäquaten Nachfolger umschauen kann. Und in dieser Findungsphase geht der Konzertbetrieb ungestört weiter. Bis zur offiziellen Präsentation des/der Neuen. So der Regelfall. Nicht aber im Norden der Republik, in Hamburg. Da hat man seit der Eröffnung der Elbphilharmonie vor fast einem Jahr nahezu ausschließlich für positive Schlagzeilen gesorgt, und nun liest man mit Erstaunen, dass es hinter den Kulissen des Spiegeltempels wohl schon seit Monaten einen Streit zwischen Chefdirigent Thomas Hengelbrock und dem NDR als Ansprechpartner gibt. Das Ende dieses unschönen Liedes ist, dass der begeisterte Hobby-Segler Hengelbrock nun die Schoten dicht geholt und seinen Abgang auf das Saisonende 2017/18 vorverlegt hat.
Doch der Reihe nach: 2011 hatte mit Hengelbrock ein Dirigent das damalige NDR Sinfonieorchester übernommen, der in der breiten Öffentlichkeit als Spezialist für historische Aufführungspraxis bekannt war. Dass er zudem ein exzellenter Allrounder ist, der nicht nur Wagner in Bayreuth, sondern auch Zeitgenössisches glänzend beherrscht, wurde allerspätestens beim Eröffnungsmarathonkonzert der Elbphilharmonie klar. Alles schien in bester Harmonie. Überrascht war man, als Hengelbrock Mitte des Jahres mitteilte, dass er seinen Vertrag über das Jahr 2019 nicht verlängern würde. Und umso verblüffter, dass bereits wenige Tage nach der Bekanntgabe der NDR einen Nachfolger aus dem Hut zauberte – in Person des amerikanischen Dirigenten Alan Gilbert, der lange die New Yorker Philharmoniker geleitet hat.
Diese rasche Präsentation fand Hengelbrock so gar nicht stilvoll, wie er nun in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ verriet: „Ich hatte den NDR wie gesagt frühzeitig darüber informiert, dass ich meinen Vertrag nicht noch ein weiteres Mal verlängern werde. Sehr unerfreulich war dann das Vorgehen des NDR, unmittelbar nach der öffentlichen Ankündigung dieses Schrittes meinen Nachfolger zu benennen und noch in derselben Woche, in der ich zehn Konzerte zu dirigieren hatte, vorzustellen. Das ist vollkommen unüblich und hat nach außen einen ganz falschen Zungenschlag in diese Sache gebracht.“ Und auf die Frage, ob dies der Grund gewesen sei, warum er seinen Vertrag nun vorzeitig beendet hat, antwortete Hengelbrock knapp: „Ja, so ist es.“
Im Gespräch spiegelt sich aber nicht allein Hengelbrocks Enttäuschung über das Verhalten des NDR wider. Aus manchen Passagen kann man auch herauslesen, dass er seine künstlerischen Vorstellungen mit dem Orchester nicht immer umsetzen konnte. Trotzdem kann er bei allem Groll auf einen kleinen Rekord stolz sein: „Die durchschnittliche Verweildauer der Chefdirigenten hier waren dreieinhalb bis vier Jahre. Wenn ich im Sommer 2018 gehe, ist das fast doppelt so lange.“ Sollte sich Thomas Hengelbrock dennoch irgendwann wieder an einen deutsches Rundfunkorchester binden wollen, wäre schon bald Köln eine Option. Dort nämlich verlässt Jukka-Pekka Saraste zum Ende der Saison 2018/19 das WDR-Sinfonieorchester – ein Orchester, das gemeinsam mit dem Münchner BR-Sinfonieorchester bekanntlich schon lange in der absoluten Spitzenklasse mitspielt.

Reinhard Lemelle



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