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(c) Martina Pipprich

Bachchor Mainz

Kontinuität in ständigem Wandel

Macht seinem Namenspatron auch auf Tonträger alle Ehre: Unter der Leitung von Ralf Otto hat der Chor die „Johannes-Passion“ in Star-Besetzung aufgenommen.

Vor zwei Jahren konnte Ralf Otto ein kleines Jubiläum feiern. 1986 und damit vor dreißig Jahren war er zum Leiter des Bachchors Mainz gewählt worden. Und seitdem hat er aus der Sängergemeinschaft, die bis dahin dem romantischen Klangbild der alten Leipziger Bachtradition verpflichtet war, eine international hochgeschätzte Kapazität auch für die historische Aufführungspraxis gemacht. Doch nicht nur beim Leitungsstab setzt man von jeher auf Kontinuität. Auch unter den rund 100 Sängern und Sängerinnen des 1955 gegründeten Bachchors findet sich tatsächlich ein Mitglied, das schon seit über 60 Jahren mit dabei ist. „Der Tenor Udo Ebbinghaus ist gerade 77 Jahre alt geworden und singt schon seit seinem 15. Lebensjahr im Bachchor“, erzählt Ralf Otto. „Und als wir jetzt für die nicht zuletzt zeitintensive Aufnahme der ‚Johannes-Passion‘ selbst für die langjährigen Mitglieder ein Probesingen ansetzten, war ich im Vorfeld der Produktion auch auf die Stimme von Ebbinghaus gespannt. Und was soll ich sagen: Es war der Wahnsinn!“ So ein sängerisches Urgestein ist die absolute Ausnahme in einem Chor, dessen Mitglieder vorrangig zwischen Zwanzig und Fünfzig sind. Darüber hinaus gibt es bei der Zusammensetzung aber noch eine zweite, gewichtigere Besonderheit. Der Bachchor Mainz besteht nämlich aus Vollprofis und hochtalentierten Hobbysängern, die ansonsten vielleicht als Schuloder Kirchenmusiker tätig sind.
Doch welche Voraussetzungen jeder und jede künstlerisch auch mitbringt – hat man das anspruchsvolle Vorsingen unter den Ohren Ralf Ottos erfolgreich hinter sich gebracht, ist man Teil eines erstklassigen Instruments für die verschiedensten Klangsprachen und Herausforderungen, die von Monteverdi über Mendelssohn bis hin zu Eisler, Dallapiccola und Nono reichen.
Dieses enorm breite Repertoirespektrum geht auf Ralf Otto zurück und ist längst zu einem der vielen Markenzeichen des Bachchors geworden. Denn wenn sich jemand in der Hege und Pflege der Alten Musik nach historisch aufführungspraktischen Kriterien genauso blendend auskennt wie im romantischen Chorgesang und in der Moderne, dann der gebürtige Kasseler. Immerhin hatte er schon mit seinem 1981 gegründeten Frankfurter Vokalensemble auf sich aufmerksam gemacht – als er mit ihm wie selbstverständlich Zeitgenössisches etwa von Wolfgang Rihm und Brian Ferneyhough uraufführte, um danach mit Spezialensembles wie Concerto Köln Bachs „Weihnachtsoratorium“ aufzunehmen.

Flexible Größe, stetes Niveau

Eine ähnliche Bandbreite schwebte Ralf Otto ebenfalls 1986 vor, als er den Bachchor Mainz von dessen Gründer Diethard Hellmann übernahm. Und blättert man etwas in den jüngeren Chor-Annalen, haben sich Otto und sein Chor zu einem wahren musikalischen Allroundteam entwickelt, das beispielsweise mit Top- Dirigenten wie Riccardo Chailly und Franz Welser-Möst an der Züricher Oper die großen romantischen Chorwerke aufgeführt hat. Oder es klopfte Peter Schreier für eine Bach-Aufführung in kleinerer Besetzung an. „Je nach Anforderung des Programms variiert die Chorstärke“, so Ralf Otto. „Was bedeutet: Nicht jeder kann bei jeder Produktion dabei sein. Für das soziale Gefüge des Chores ist es daher allein schon wichtig, dass das Repertoire von der reduziert besetzten Bach-Passion bis zu etwa Brittens ‚War Requiem‘ reicht, bei dem ein großer Klangkörper gefragt ist.“
Diese besetzungstechnische Flexibilität ist aber auch dann erforderlich, wenn es um die Aufführung des Bachschen Kernrepertoires geht. Ralf Otto: „Bach war sehr klangorientiert – was für mich bedeutet, dass er auch sehr akustikorientiert war. Wenn wir etwa die ‚Johannes-Passion‘ in kleiner Besetzung in der Alten Oper in Frankfurt aufgeführt haben, mit 2500 Plätzen, da gibt es angesichts solcher Räume einfach von der Chorgröße her eine Untergrenze. Bei einer Aufführung in einer Kirche kann sich diese dann schon wieder verschieben.“ Obwohl Otto sich mit den Gepflogenheiten der Originalklang-Bewegung bestens auskennt – ein Dogmatiker ist er aber nicht.
Dass Bach bei ihm gemeinsam mit dem Bachchor und dem auf historischen Instrumenten spielenden Bachorchester – u. a. mit Gambistin Hille Perl und Lautenist Joachim Held topbesetzt – klangschön atmen und zugleich berühren und ergreifen kann, hat Ralf Otto nun bereits bei dem ersten der insgesamt vier Aufnahmeprojekte unter Beweis gestellt. Mit der „Johannes-Passion“ in der Fassung von 1749 eröffnet man einen Bach-Zyklus, der bis 2019 Einspielungen des „Weihnachtsoratoriums“, der „Matthäus-Passion“ und der h-Moll-Messe umfassen wird. Und hört man sich all die hochkarätigen Solisten an, die Otto für die „Johannes-Passion“ ausgewählt hat, darf man sich schon jetzt auf die weiteren Bach- Produktionen als Ereignis freuen. Denn auch dort werden Sopranistin Julia Kleiter, Mezzosopranistin Gerhild Romberger und Tenor Georg Poplutz wieder mitwirken. Kontinuität zahlt sich eben aus.

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion

Georg Poplutz, Yorck Felix Speer, Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Bachchor Mainz, Bachorchester Mainz, Ralf Otto

Naxos


Von 1724 – 1749

Am 7. April 1724 wurde die „Johannes-Passion“ zum ersten Mal in Bachs neuer Wirkungsstätte, in Leipzig, aufgeführt. Über die Uraufführung liegen keinerlei Berichte vor, die lediglich überlieferten Einzelstimmen ließen vieles im Dunkeln. Immerhin hat Bach im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte an drei weiteren, überarbeiteten Fassungen der „Johannes-Passion“ gefeilt – von denen die letzte aus dem Jahr 1749 die meistgespielte ist. Auch Ralf Otto und der Bachchor Mainz haben diese Version aufgenommen, dazu aber quasi als Bonusmaterial auch die vorübergehend eingefügten Arien und Chöre der 2. Fassung aus dem Jahr 1725 angehängt.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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