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Lahav Shani (c) Marco Borggreve

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

„Martha“ – ein (fast) verlorenes Stück. Allein beim Namen des Komponisten Friedrich von Flotow kriegen ungeübte Opernbesucher die Motten. Dabei ist die meistgespielte Oper der Vormärz-Epoche ein echtes Meisterwerk. Gäbe es nicht rührige Stadttheater wie Innsbruck, Detmold oder die Oper Graz, das Ding wäre ganz verschwunden. Ungewohnter Weise hat Regisseur Peter Lund einen ausgewachsenen Inszenierungs-Einfall. Er lässt den „Markt zu Richmond“ im Londoner Bethlem Royal Hospital spielen – einer Irrenanstalt. Das geht nur halb auf. Doch walten mit Schleifchen, Rüschchen und Toupier-Perücken jene Abo-Schlüsselreize, bei denen ein williges Publikum auch halbgare Ansätze verzeiht. Vor allem singt Jennifer O’Loughlin eine formidable Martha (mit Hilde Güden-Touch). Ilker Arcayürek hat mehr Temperament (und Brustbehaarung) als handelsübliche Lyonels. Die Grazer Philharmoniker haben unter Robin Engelen einen ausgesprochen guten Tag. Werk gerettet.
Im Café Imperial, dem feinsten der verbliebenen Ringstraßen-Cafés, denken wir heute über die Manieren von Dirigenten nach. Daniel Barenboim in Berlin hat mächtig Ärger, weil er angeblich mit harter Hand seine Orchestermusiker regiert. Wie sich die Zeiten ändern! Der in Wien legendäre Karl Böhm war dafür berüchtigt, sich bei Proben erbarmungslos einen meist jüngeren Musiker herauszupicken, den er schikanierte. Bei dem in Salzburg vielgefeierten George Szell wurden Musiker des Cleveland Orchestra reihenweise therapiebedürftig. Heute gibt’s kaum noch Pult- Tyrannen und Dirigier-Peinigl. Wie sagte doch der lettische Dirigent Andris Nelsons, der im Musikverein einen Beethoven-Zyklus startet (29.- 31.3., 6./7.4.): „Früher brauchten die Dirigenten Ideen. Heute brauchen sie Argumente.“
Einer der immerhin letzten Pult-Autokraten, Christian Thielemann, gastiert bei den Wiener Philharmonikern im Musikverein – mit Bruckner, wem sonst?! (27./28.4.) Auch Teodor Currentzis, nirgendwo außerhalb Russlands so oft anzutreffen wie im Wiener Konzerthaus (Verdis „Requiem“, 6.4.), verkörpert einen neuen, die Musiker hart prüfenden Dirigenten- Typus. Sein Erfolg im Uralvorland (Perm) basiert darauf, dass die Musiker nicht weg können. Dagegen zählt Franz Welser-Möst zu einer nie veraltenden Pultverweser-Sorte: Ruhig, ruhiger, am ruhigsten (Mahlers Achte bei den Wiener Philharmonikern, Konzerthaus, 11./12.5.). Auch Giovanni Antonini, derzeit interessantester Haydn-Dirigent, ist ein ursympathischer Animateur ohne jede Neigung zur Peitsche („Schöpfung“ im Musikverein, 14.5.). Und selbst Senkrechtstarter Lahav Shani, ein Barenboim- Schüler, gehört eindeutig zu den Kommunikatoren, nicht Dompteuren (Brahms’ Dritte und Liszts „Les préludes“ bei den Wiener Symphonikern, 3.-5.4.). Im Musikverein ist ansonsten leider nicht wahnsinnig viel los. Das Wiener Mozart-Orchester leistet Touristen-Dauerbespaßung. Höchste Zeit für eine neue Ära.
Die mit Abstand interessanteste Musiktheater-Premiere gilt Ralph Benatzkys Operette „Meine Schwester und ich“ – in der Volksoper inszeniert Hausherr Robert Meyer (ab 4.4.). An der Wiener Staatsoper steht mit Manfred Trojahns „Orest“ eine veritable Uraufführung bevor – über die Phase nach dem Muttermord (Evelyn Herlitzius ist hierbei die Elektra, ab 31.3.). Im Theater an der Wien wird Händels „Orlando“ hochrangig von Claus Guth inszeniert mit erlesenen Protagonisten wie Christoph Dumaux und Anna Prohaska (ab 14.4.). Demgegenüber ist die Besetzung bei Webers „Oberon“ mit Mauro Peter und Annette Dasch vielleicht ein halbes Nümmerchen zu klein (ab 13.5.). Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2019



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