Startseite · Klartext · Pasticcio

Kleines, feines Festival zum Werk Mieczysław Weinbergs: Das Jewish Chamber Orchestra Munich © Thomas Dashuber

Pasticcio

Ein großer Unbekannter

Es war schon immer so: Wann immer Gidon Kremer mit seinem Kammerorchester, seiner Kremata Baltica in den vielen Jahren unterwegs war, kam man über die gespielten Programme ins Staunen. Denn wer sich wie Kremer bereits zu Beginn seiner Karriere auch oft an den Repertoire-Rändern bewegte, der konnte mit bis dato unbekannten Werken verblüffen. Besonders lagen Kremer dabei Komponisten am Herzen, die unter dem Kommunismus gelebt und zuweilen auch an ihm gelitten hatten. Als er 2012 erneut durch die großen Konzertsäle Deutschlands tourte, brachte er auch ein Concertino für Violine und Streichorchester op. 42 von einem gewissen Mieczysław Weinberg zur Aufführung. Das Werk stammte aus dem Jahr 1948 und besaß einen ins Mark treffenden Ton der Trauer und der Verzweiflung, wie er für das Schaffen des gebürtigen Polen Weinberg typisch war. Dieses Concertino sollte Kremer sodann auch schon bald auf CD herausbringen – womit zumindest ein wenig Licht auf einen bis dahin vergessenen Komponisten fiel, an den man nun anlässlich seines 100. Geburtstag in diesem Jahr breiter erinnert.
Gerade erst hat Mirga Gražinytė-Tyla, die Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, zusammen mit der Kremerata Baltica und Gidon Kremer Weinbergs Sinfonien Nr. 2 & 21 bei der Deutsche Grammophon veröffentlicht. Und im Booklet zeigt sich Kremer nach den Aufnahmen vom 1996 in Moskau verstorbenen Sinfoniker noch immer überwältigt: „Es war tatsächlich eine Erfahrung, als ob man eine 11. Sinfonie von Mahler entdeckt hätte. Ein Monument der Musik, in dem eine der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts vertont wurden.“ Kremer spielt damit auf das Schicksal von Weinbergs Familie an, die im Holocaust ermordet wurde.
Doch auch Weinberg musste nicht selten um sein Leben fürchten, nachdem er in die Sowjetunion geflohen war. Eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte fürderhin Dmitri Schostakowitsch. Als Freund und Mentor hatte er sich bei den höchsten Stellen immer wieder für Weinberg engagiert. 1943 erwirkte der Komponistenkollege für ihn eine Aufenthaltserlaubnis in Moskau. Und als Weinberg 1953 wegen „zionistischer Agitation“ verhaftet wurde, war es erneut Schostakowitsch, der sich für ihn mit einem Brief beim Geheimdienstchef Lawrentij Berija einsetzte.
All diese biografischen Stationen haben ihre Spuren in einem umfangreichen Schaffen hinterlassen, dem sich nun das Jewish Chamber Orchestra Munich mit einem kleinen, aber feinen Weinberg-Festival widmet . Vom 20. bis 26. Mai präsentiert man in München wie auch im Schloss Elmau Gesprächs-, Orchester- und Kammerkonzerte. Zudem zeigt man den Film „Die Kraniche ziehen“, zu dem Weinberg 1957 die Musik geschrieben hat. Außerdem dirigiert Daniel Grossmann die absurd-komische Kammeroper „Lady Magnesia“, zu der sich der Librettist Weinberg von George Bernard Shaws Farce „Passion“ inspirieren ließ.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Oper im Steinbruch

Familienunternehmen

Hier wird seit 2000 Jahren Kalkstein abgebaut. Doch der Römersteinbruch St. Margarethen ist auch […]
zum Artikel »

Blind gehört

Neu erschienen:

Felix Klieser: „Ich hasse es, mich selbst zu hören“

zum Artikel »




Top