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Selbstbestimmt, aber unterfinanziert? Freie Ensembles in Deutschland (c) pixabay.com

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Wenn Träume wahr werden…

1980 fand sich in Frankfurt/Main eine Gruppe von Musikstudenten zusammen, um intensiver ihrer Liebe zur Neuen Musik zu frönen. Fünf Jahre später kamen in Freiburg hochtalentierte Musikhochschüler auf eine ähnliche Idee. In Sektlaune entschloss man sich, ein Ensemble zu gründen, das sich ausschließlich der historischen Aufführungspraxis widmen sollte. Heute, einige Jahrzehnte später, spielen beide Musikerteams in der musikalischen Profiliga. Das Frankfurter Ensemble Modern und das Freiburger Barockorchester zählen jeweils auf ihrem Spezialgebiet zu den führenden weltweit. Und dennoch teilen diese 1st-Class-Musikergemeinschaften das Schicksal im Grunde aller freien Ensembles: Ohne entsprechende Förderung seitens Stadt, Land oder Bund müssten selbst sie wohl früh oder später kleine Klangbrötchen packen.
Dabei sind das EM und das FBO noch gut dran. Wie jetzt in dem höchst informativen Lagebericht über freie Ensembles in Deutschland nachzulesen ist, den WDR-Redakteur Richard Lorber und Komponist Tobias Eduard Schick auf der Seite des „Deutschen Musikinformationszentrums“ MIZ veröffentlicht haben , ist man dort von offiziellen Mitteln nicht ganz so abhängig wie die vielen Kollegen. So spielt etwa das Ensemble Modern immerhin mindestens 50 Prozent der Gesamteinnahmen mit Konzerten ein. Hinzu kommen dann noch etwa 20 bis 25 Prozent institutionelle Fördermittel. Allein schon an diesen Zahlen lässt sich ablesen, dass das Leben als freischaffender Ensemble-Musiker bis heute kein Zuckerschlecken ist. Trotzdem kann sich die Szene in Breite und Spitze sehen lassen. So verzeichnet das MIZ derzeit stolze 400 Spezialensembles, die sich wahlweise mit Alter oder Neuer Musik beschäftigen. Und nicht selten werden verdienstvollste Ensembles wie das Leverkusener L’arte del mondo ab und an mit einem warmen Geldsegen gewürdigt. So hat das NRW-Kultusministerium gerade bekannt gegeben, dass man das von Werner Erhardt geleitete Orchester über die nächsten drei Jahre mit insgesamt 240.000 Euro fördern werde.
Um solche Finanzspritzen muss man sich nebenan, in Köln, bei zumindest einem Orchester nicht kümmern. Es ist das Kölner Bürgerorchester, das sich derzeit auf Initiative des Kölner Gürzenich-Orchesters und dessen GMDs François-Xavier Roth gründen wird, um dann am 13. Juni 2020 in der Kölner Philharmonie aufzuspielen. Mitglieder dieses Orchesters auf Zeit sollen ausschließlich Amateurmusiker sein, die Seite an Seite mit Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters musizieren werden. Und wer schon immer den Traum hatte, in einem großen Musikerapparat etwa ins Horn zu blasen, der sollte sich mit der Anmeldung unter „spielmituns@guerzenich-orchester.de“ beeilen. Deadline ist nämlich schon der 15. September.

Guido Fischer



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