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Verschnupfter Abschied: Sir András Schiff © Joanna Bergin

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Auf Schuberts Rücken

„Ich weiß ganz genau, wo ich in einer Schubert-Sonate die sprichwörtliche Gänsehaut bekomme.“ Dieses Geständnis hat András Schiff einmal in seinem ungemein lesenswerten Essay- und Gesprächsband „Musik kommt aus der Stille“ gemacht. Und tatsächlich: Wer diesen Jahrhundertpianisten jemals dabei erleben konnte, wie er allein das himmlisch Kantable in Schuberts Sonaten fast schwerelos in Schwingung versetzt, der hat ein Gespür dafür bekommen, wie nah sich Schiff diesem Komponisten fühlt. Dessen Klavierwerke zählt er immerhin zu den erhabensten Kompositionen, die je für dieses Instrument geschrieben worden sind. Schon Mitte der 1990er Jahre unterstrich Schiff seine Schubert-Schwärmerei mit einer epochalen Einspielung aller Klaviersonaten. Aktuell widmet er sich ein zweites Mal diesem Romantiker – diesmal auf einem Hammerflügel und damit aus der Originalklang-Perspektive.
Wer sich so intensiv dem Schaffen Schuberts verschrieben hat wie der Ungar, der fühlt sich auch der österreichischen Schubertiade eng verbunden. Bereits acht Jahre nach der ersten Ausgabe dieses Festivals, das 1976 Tenor Hermann Prey ins Leben gerufen hatte, war Schiff hier zu hören. Seitdem zählte er zu den Stammgästen und war solistisch und als Liedbegleiter, als Kammermusiker sowie mit seiner Capella Andrea Barca zu hören. Noch in diesem Jahr war Schiff enorm fleißig und gab zusammen mit Robert Holl eine Meisterklasse. Doch nun scheint sich der Pianist im Unfrieden vom Festival getrennt zu haben – und zwar wohl für immer, wie der Geschäftsführer der Schubertiade in einer öffentlichen Mitteilung verriet.
„Wenige Tage nach dem Abschluss der Juni-Schubertiade-Periode erhielt ich von Sir András Schiff eine Mail-Nachricht, die er mit seinem ‚Dank für die wunderschöne Zeit in Schwarzenberg‘ und einem Lob für das ‚prachtvolle Festival‘ einleitete“, so Gerd Nachbauer. „Dann übte er u.a. Kritik an der Künstler- und Programmauswahl und beschwerte sich darüber, dass ein anderer Pianist im Juni 2020 jenes Programm spielen wird, das eigentlich er spielen wollte.“ Nachbauer teilte Schiff daraufhin mit, er habe leider allzu spät jenes Wunschprogramm eingereicht, das man ein halbes Jahr zuvor eben jenem Kollegen bereits zugesagt hatte. Im Rahmen dieser Reaktion merkte Nachbauer zudem an, dass Schiffs negative Äußerungen über die verwendeten Steinway-Flügel auch dem Publikum bei den Meisterklassen aufgestoßen wären (Schiff bevorzugt von jeher Bösendorfer-Flügel). „Für uns seien seine Bemerkungen nicht gerade angenehm, da unser Steinway-Flügel von allen anderen Pianisten täglich gelobt und sehr geschätzt wird. Sir András Schiff reagierte mit der Ankündigung, dass er auf alle zukünftigen Auftritte bei der Schubertiade verzichte, stellte die Beurteilungskompetenz des Schubertiade-Publikums in Frage und äußerte sich abschließend noch sehr negativ über eine ganze Gruppe von bei uns regelmäßig auftretenden Künstlern.“
Die für 2020 anberaumten Konzerttermine mit Schiff werden nun Elisabeth Leonskaja sowie die Brüder Lucas und Arthur Jussen übernehmen. Aber wer weiß: Vielleicht geht Schiff noch mal selbstkritisch in sich. Die Schubertiade 2021 ist garantiert noch nicht komplett durchplant. Wenn man ihn dann noch haben will.

Guido Fischer



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