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(c) Johan Sandberg

Blind gehört

Daniel Lozakovich: „Meine Mutter sagt ‚Großvater‘ zu mir“

Daniel Lozakovich, geboren 2001 in Stockholm als Sohn eines Weißrussen und einer Kirgisin, begann mit sechs Jahren, Geige zu spielen. Er debütierte im Alter von acht – unter Vladimir Spivakov, der auch auf seiner neuesten CD das Tschaikowski-Violinkonzert dirigiert. Seit 2012 studiert Lozakovich in Karlsruhe bei Josef Rissin sowie in Genf. Seit 2016 ist er bei einem großen Label exklusiv unter Vertrag, was seiner Karriere einen enormen Auftrieb gab. Daniel Lozakovich ist auf fast allen großen Bühnen präsent.

Jedenfalls begleitet da nicht Horowitz. Der Geiger hat einen weichen Klang. Es ist David Oistrach! Das erkennt man an seinem warmen Ton. Er hat einen leichten Bogen, wodurch er einen großen Bogen erzeugt. Sehr breit, sehr schön. Ein behutsames, irgendwie sanftes Spiel. Ich glaube, dass Oistrach der entspannteste Geiger von allen war. Manchmal vielleicht sogar zu entspannt. Er musste es sein, denn er hatte von früh an mit Herzproblemen zu kämpfen, besaß also keine Wahl. Es wäre gefährlich für ihn geworden, hätte er sich aufgeregt. Natürlich hat eine großartige Technik ihm auch geholfen. Ein Idol, für alle von uns.

Peter Iljitsch Tschaikowski

Valse-Scherzo op. 34

David Oistrach, Vladimir Yampolsky

PLG Classics/Warner

Rhythmisch ist das da nicht so besonders exakt. Sehr frei. Not my style! Es ist mir nicht kontrolliert genug, wie ich offen zugebe. Die Folge: ein Mangel an Geheimnis. Ein Mangel an Wahrheit. Ich bitte um Entschuldigung für meine deutlichen Worte. Hier geht der Geiger sogar über einige wichtige Noten ziemlich hinweg. Es ist unterinterpretiert. Teilweise sogar flüchtig. Gewiss darf man das gut finden. Aber es ist nicht meins. Ich kenne auch niemanden, der so spielt. Warum? Ich würde ihm wohl nicht sehr lange zuhören. – Christian Tetzlaff? Ich kenne den Namen, habe aber offenbar niemals länger bei ihm verweilt. Hier höre ich deutlich, weshalb das so ist.

Johann Sebastian Bach

Partita für Violine solo Nr. 2

Christian Tetzlaff

Ondine/Naxos

(Nach 2 Sekunden:) Jascha Heifetz! Man erkennt ihn einfach an seinem Sound. Und man merkt auch, warum er die Nummer 1 war – und vermutlich ist. The top! Auch persönlich gesehen, bleibt er mein einsamer Favorit. Oder zumindest einer von ihnen. Ich verehre ebenso Fritz Kreisler, den jungen Yehudi Menuhin, Henryk Szeryng und Josef Hassid. Außerdem natürlich Mischa Elman, auch wenn er heute nicht mehr so sehr bekannt ist. Von den späteren? Oleg Kagan, auch schon lange nicht mehr am Leben. Er verfügte über die beste rechte Hand von allen. Zum Beispiel beim Schnittke- Violinkonzert und im Duo mit seiner Frau Natalia Gutman. Brahms’ Doppel-Konzert unter Evgeny Svetlanov: großartig. Mit Svjatoslav Richter war Kagan nicht ganz so gut, weil nicht wirklich frei. Richter neben ihm war ein zu übermächtiger Gigant. So, haben wir das auch geklärt ... Unter lebenden Geigern bin ich vor allem ein Fan von Sergei Khatchatrian – schon aus biografischen Gründen. Denn nachdem ich ihn gehört hatte, wollte ich seinen Lehrer finden. Und der wurde mein Lehrer.

Henryk Wieniawski

Scherzo-Tarantelle op. 16

Jascha Heifetz, Arpad Sándor

Warner

Deutscher Klang. Deutsche Sprache? Ich verstehe kein bisschen, was da gesungen wird. – Was, das ist Schwedisch?! Das wäre ja dann meine zweite Muttersprache, neben Russisch – aber ich verstehe kein einziges Wort?! Hm. Wahrscheinlich bin ich auch darin ein bisschen zu sehr von vorgestern. Ich liebe Renata Tebaldi, Maria Callas, Dietrich Fischer-Dieskau, Fritz Wunderlich und Ivan Koslovsky. Bei Lenskys Arie auf meiner Tschaikowski-CD habe ich die beiden zuletzt genannten Tenöre zu imitieren versucht. Bei Sängern, die ich mag, geht es nie nur ums Singen, sondern ums wirkliche Verstehen des Textes. – Was, Anne-Sofie von Otter?! Wie peinlich! Natürlich kenne ich sie – und schätze sie. Mein Problem: Jussi Björling kenne ich doch noch besser.

Lars-Erik Larsson

Kuss des Windes

Anne Sofie von Otter, Bengt Forsberg

DG/Universal

Sehr lyrisch. Und mit einem sehr schweren Orchester. Das muss dann wohl Herbert von Karajan sein. The Berlin sound, the Karajan sound. Das würde folglich bedeuten, dass es sich um Anne-Sophie Mutter handeln muss. Stimmt auch. Man hört es an dem ausgeprägten Vibrato in den oberen Tönen. Der Grund liegt darin, dass Anne-Sophie Mutter den wohl stärksten kleinen Finger von allen hat. Fast eine Art Markenzeichen. Was sie mit diesem vierten Finger anstellen kann, ist erstaunlich. Ansonsten würde ich vielleicht sagen: Sprechen wir lieber über Karajan ...

Felix Mendelssohn Bartholdy

Violinkonzert op. 64

Anne-Sophie Mutter, Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan

Alle Stücke, die wir bisher gehört haben, spiele ich auch selber. Erstens handelt es sich um gute Stücke, da kann man nichts falsch machen. Zweitens werden sie von jedem Geiger heute schlicht und ergreifend verlangt. Das ist bread & butter. (Hört und verzieht das Gesicht:) Modern! Was so auszudrücken vielleicht gegen mich spricht. Meine Freunde, sogar meine Mutter sagt immer „Großvater“ zu mir, wenn sie mich anspricht. Also, mit anderen Worten, diese Aufnahme ist nichts für mich. Die kann ich nicht mal erraten. Ich würde bemängeln: kein schöner Klang. Es ist übrigens viel leichter, so zu spielen. Das klingt für mich wie eine Improvisation. Mir fehlt die zweite Ebene, sozusagen die Aussicht aufs Höhere. Es ist für mich zu sehr down to earth. Für Beethovens Werke muss man doch eine spezielle Farbe finden. So wie das Maria Yudina bei der Hammerklavier-Sonate gelang. Ein anderes Gegenbeispiel: Bei Carlos Kleiber folgt man jedes Mal direkt den Sternen. Hier nicht. – Isabelle Faust? Ich habe noch nie eine Platte von ihr gehört.

Ludwig van Beethoven

Violinkonzert op. 61

Isabelle Faust, Orchestra Mozart, Claudio Abbado

harmonia mundi

Ein ‚dickes‘ Spiel. Doch hier passt es. Ich würde es sicherlich anders machen. Etwas französischer und romantischer auch. Sanfter eben. Hier sind die heftigen Glissandi sehr frappierend. Freilich, ich liebe Glissandi, von mir aus kein Einwand dagegen. Wer ist das bloß ...?! Es gefällt mir sehr. Es klingt nämlich sehr musikalisch in der Wahl der Farben. Technisch gesehen lässt sich nicht so wahnsinnig viel daran ablesen. Denn das Stück ist nicht sonderlich schwer. Irgendwie klingt mir der Ton vertraut. – Michael Rabin? Ich wusste es doch! Die ganze Zeit spukte mir dieser Name im Kopf herum, aber ich traute mich nicht, ihn zu sagen. Glissandi waren absolut und genau sein Fall. Sowie ein gewisses, heute als altmodisch geltendes, mithin dickes Vibrato. Farben durch Vibrato herzustellen, ist heute ein wenig aus der Mode gekommen. Rabin war bekanntlich ein tragischer Fall. Bei ihm war es weniger die Gesundheit als vielmehr Selbstsabotage, also Drogen, wodurch er furchtbar früh endete. Das ist ein Jammer.

Camille Saint-Saëns

Introduction & Rondo capriccioso op. 28

Michael Rabin, Hollywood Bowl Orchestra, Felix Slatkin

Testament/Note 1

Ich kenne das Stück nicht einmal. Und das liegt, obwohl ich in Schweden geboren wurde, wahrscheinlich daran, dass meiner Familie die russische Kultur näher ist als die skandinavische. Inzwischen lebe ich schon seit vier Jahren in Genf, wo ich auch studiere. Davor zwei Jahre in Wien. Ich habe wohl 50 Mal mit Valery Gergiev konzertiert. Seit ich 13 Jahre alt war. Bin also auch in dieser Hinsicht eher slawisch orientiert. Und wer dirigiert nun hier? – Herbert Blomstedt? Von ihm habe ich sehr gute Sachen gehört. Erraten habe ich es nicht. Da rächt sich, dass ich so schön von gestern bin.

Franz Berwald

Sinfonie Nr. 4 „Sinfonie naïve“

San Francisco Symphony Orchestra, Herbert Blomstedt

Decca/Universal

Neu erschienen:

Peter Iljitsch Tschaikowski

None But The Lonely Heart

Daniel Lozakovich, National Philharmonic Orchestra of Russia, Vladimir Spivakov

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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