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(c) Johannes Ifkovits

Wiener Symphoniker

„Nicht zu Deutsch, bitte!“

Philippe Jordan setzt aufs Kernrepertoire bei seinem Wiener Orchester – und hat den Klangkörper damit ungeahnt nach vorne gebracht.

Neu herausgeputzt hat Philippe Jordan die Wiener Symphoniker, seit er vor fünf Jahren das Orchester übernahm. Vorbei die Zeiten tapferer Kärrnerarbeit – wir übertreiben nur wenig! –, wo man sich stets bewusst zu sein schien, den Status der überlegenen Wiener Philharmoniker ohnehin nie erreichen zu können. Die Hierarchien sind fest gefügt im schönen Wien. So sehr, dass es schon wieder fragwürdig erscheinen könnte, Jordan zu einem Zeitpunkt zu loben, wo er sich anschickt, im Jahr 2021 ein Haus weiter zu ziehen und die Wiener Staatsoper zu übernehmen. Denn so ist es. Nachfolger bei den Wiener Symphonikern wird dann Andrés Orozco-Estrada (vormals beim Tonkünstler-Orchester Niederösterreich).
Zwei Erfolgsrezepte Jordans bewähren sich in der neuen Saison: Blitzpolitur des Gastdirigenten- Portfolios – und Konzentrierung des Repertoires. Dies ist zumeist Kernrepertoire, also zentrale Stücke; und das ist richtig so, insofern es heutzutage nichts Schwierigeres geben kann als eine gute Brahms-, Schumann- oder Mendelssohn-Sinfonie. Viele zentrale Komponisten wurden von den Alte Musik-Spezialisten gekapert und in neues Licht getaucht. Frischen Wirbelwind bei traditionellem Klangkörper versprechen dagegen unkonventionelle Gäste wie der finnische Turbo-Wuschel Santtu-Matias Rouvali (4./6.12.), der israelische Mehta-Nachfolger Lahav Shani (26./27.2., 2.-5.3.) und der französische Universal- Spezi François-Xavier Roth (26., 29./30.4.). Altmeister wie Kent Nagano (13./15.3.) und Philippe Herreweghe (28./29.5.) sind auch dabei. Herzstück der Spielzeit, gleich zu Anfang, galt Brahms als Sinfoniker. „Mein Zugang zu Brahms hat lange gebraucht“, räumt Philippe Jordan ein. Eher über die Kammermusik, die der Komponist jeweils vor den Sinfonien komponierte, habe er sich das Gesamtwerk des Hanseaten und Wahl-Wieners erobert. Er habe „gemerkt, dass Brahms nicht schwer sein muss, auch nicht dunkel“. Also nicht zu Deutsch! „Sondern dass etwas Schwebendes dazu gehört.“
So also tickt der Mann. „Bei Brahms schleicht sich leicht Routine ein“, analysiert er die Lage. „Brahms-Sinfonien klingen rasch sehr gut, deswegen spielt man – beispielsweise zu Beginn der Ersten – gern ‚in die Breite’ und schön laut. Es wird viel Klang produziert.“ Dieser Grundfehler hat tatsächlich dazu geführt, dass landauf, landab viele behäbige, bräsige Breitwand-Brahmse zu bewundern, aber auch zu beklagen sind. Krampflösung ist erwünscht.

Senkrechtstarter

Philippe Jordan, 1974 geborener Sohn des Schweizer Dirigenten Armin Jordan, gehört zu den Senkrechtstartern der Branche. In seiner Geburtsstadt Zürich sang er als Kind einen der Drei Knaben in der „Zauberflöte“ unter Nikolaus Harnoncourt. Wenn er sich verbeugt, kerzengrade in der Mitte abknickend, merkt man das heute noch. Wie Karajan begann er seine Dirigier-Karriere in Ulm. An der Oper Graz schied er im Unfrieden (kann also auch anders). Vor zehn Jahren dann der glamouröse Sprung an die Opéra National de Paris – ein Haus, für das die Vorstellungsgespräche vom französischen Staatspräsidenten persönlich abgenommen werden.
„Den Wiener Symphonikern muss man nicht erklären, wohin eine Phrase will“, bringt er die Qualitäten seines Orchesters auf den Punkt. „Ihr Klang ist sinnlicher, heller, transparenter. Genau das, was ich lange Zeit gesucht habe.“ Also: „Leichter, heller, mit helleren Obertönen!“ Was beide Sichtweisen, die französische und die wienerische, miteinander „verbinde“, das sei übrigens: „Transparenz“. Es gehe um Zwischentöne, um Zwischenstimmen und Übergangsphasen. „Nicht zu breit spielen!“ Na also.
Das alles verrät erfrischend deutliche Konzepte. Inhaltliche Schwergewichte der aktuellen Saison bilden die beiden Groß-Sinfonien Nr. 2 und Nr. 8 von Gustav Mahler (24./25.5. und 12./13.6., Musikverein). Dass Jordan ausgerechnet mit gewohntem Kernrepertoire in Wien ein Fenster aufstößt, dürfte nur denjenigen überraschen, der die wahren Großbaustellen verkennt. Noch einmal: Nichts schwerer – und nichts seltener – als ein Gelingen im Bread & Butter-Repertoire. Jordan zieht verdientermaßen zur Wiener Staatsoper weiter. Dass man ihn fürderhin mit Orchester- Repertoire hören kann, darauf sollte man sich nicht verlassen. Jordans sinfonische Ernte wird vorerst bei den Wiener Symphonikern eingefahren. Nirgendwo sonst.

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonien 1 - 9

Wiener Symphoniker, Philippe Jordan

WSO (Solo Musica)/Sony


Generalüberholt

Das zweitplatzierte Orchester von Wien, die Wiener Symphoniker, blicken auf eine teilweise glanzvolle Geschichte zurück. Hier fand Herbert von Karajan 1948 seine erste große Stelle – und blieb 16 Jahre (länger war er nur in Berlin). Hier holten Wolfgang Sawallisch (1969-70) und Carlo Maria Giulini (1973-76) Schwung für ihre Karriere. Danach: recht steil bergab! Georges Prêtre wollte nur „Erster Gastdirigent“ sein, Rafael Frühbeck de Burgos (1991-96) und Vladimir Fedoseyev (1997-2004) waren blasse Sachwalter. Fabio Luisi (2005-13), auch kein Originalgenie, favorisierte andere Zentren. Es stand nicht gut, bevor Philippe Jordan kam. Und leuchtet jetzt: umso heller.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2019



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