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(c) Yulia Mahr

Max Richter

Klingt einfach

Längst ist der Komponist eine anerkannte Berühmtheit. Musikalisch mit den Massen zu flirten, war seine Entscheidung. Ein Treffen in Düsseldorf.

Max Richters Erscheinung ist so zurückhaltend wie seine Musik selbst. In Jeansjacke und Rollkragenpulli kommt er zum Interview in der Hotellobby und erinnert eher an den Bassisten einer nicht mehr ganz so hippen Classic Rock Band als an einen der produktivsten Komponisten unserer Zeit.
Seine effektive Arbeit ist mittlerweile ein Mix aus Musik zu Filmen („Walz with Bashir“) und Serien („The Leftovers“, „Taboo“), durchaus mal wirkungsvoll pathetisch und volltönend, und „reiner Musik“, die Richter meist aber trotzdem mit literarischem Hintergrund ausstattet. Kommerziell erfolgreich mischt er hier minimalistische Klassik mit sphärischem Ambient-Sound, wie in „Sleep“ oder seiner spannenden Ballettmusik zu „Woolf Works“.
Im Kino läuft gerade der Blockbuster „Ad Astra“ mit Richters elegischer Streichermusik – und ungewohnt dissonanten Ausbrüchen, die man sonst vom Komponisten, der sanfte Piano- oder Streicherklänge mit etwas Elektronik würzt, gar nicht so gewohnt ist.
Richter lacht, die Diskussion um Dissonanzen hatte er mit Regisseur James Gray bereits geführt und erklärt zu „Ad Astra“: „Es ist ja nicht wirklich experimentell und total neu, was wir da im Score machen. Cluster im Sinne von Ligeti und Penderecki haben aber immer noch diese Wirkung auf uns.“
Richter ist ein Meister darin, Stil zu adaptieren. Mal klingt er in „Sleep“ wie Philip Glass, nur mit einer Prise mehr Coolness und Modernität, dann, in den dröhenden Kaskaden von „The Leftovers“ wie Hans Zimmer, nur weniger „in your face“. Selbst beschreibt er seinen Stil als sehr gut konsumierbar, aber komplex in der Konstruktion. Und sein wohl bekanntestes Stück „On the Nature of Daylight“, mannigfach eingesetzt in Filmen und Serien und millionenfach gestreamt, ist für ihn: „Ein fünftaktiger Kontrapunkt, gleichzeitig ein Palindrom, wobei die Melodie auch umgekehrt funktionieren kann. In der Anlage sehr nerdy, in der Wirkung klar.“ Vieles was diese einfachen Gedanken so besonders macht, liegt in den Details der Aufnahmetechnik und Post-Produktion: Das genaue Klangverhältnis der vier klammen Streicherstimmen, das Nachknarren der Instrumente oder des Klaviertons. Richters Stücke sind wie unterm Mikroskop komponiert, jeder Wechsel der Tonschwingung zählt, nichts ist überflüssig.

Doch wie gelangte er zu dieser simplen und erfolgreichen Art, Stücke zu schreiben? Max Richter kommt tatsächlich, man würde es nicht vermuten, aus der Schule der Avantgarde, sein früher Lehrmeister war der große Luciano Berio, den der Komponist heute auch noch sehr bewundert, für seine Offenheit der musikalischen Vergangenheit gegenüber, die Berio immer in sein Werk einschließen konnte. Richter ist amüsiert, wenn man ihn fragt, was Berio von seinen heutigen Schöpfungen wohl mögen würde, und antwortet dann entschlossen: „‚Vivaldi Recomposed‘. Eine bestehende Idee aktualisieren, mit neuen Nuancen.“
Richter lernte als junger Komponist komplexen Serialismus im Stile von Pierre Boulez: „Nur, wenn man so komponierte, komponierte man richtig. Die Konzerte, mit wenn überhaupt 20 anderen Komponisten als Publikum, machten mich traurig. Eine vergebene Chance zu kommunizieren. Also entwickelte ich einen direkteren Stil – einfacher, nicht weil er einfach ist, sondern weil er sich einfach anfühlt, das ist ein Unterschied. Das ist das Ideal: Einfache, gut gemachte Objekte. Lesbar, aber nicht dumm.“
Das Publikum, das sich in der Tonhalle in Düsseldorf zusammenfindet, ist eines, das sonst nicht unbedingt in klassische Konzerte geht. Und doch wird der Abend kein Event, kein Klassik light Konzert. Vielmehr: In gewisser Hinsicht lernt das Publikum an diesem Abend, den Umgang mit herausfordernder, experimenteller Kunst. Richter sitzt am Klavier, ein Häufchen Musiker auf der Bühne, es gibt keine große Lichttechnik, nur diese wenigen, gut gewählten Töne, die aber auch nicht besonders stören. Einschlafen oder sich darauf konzentrieren, beides geht auf.
Nach 90-minütigen Auszügen aus Richters „From Sleep“ scheint der Saal zweigeteilt, viele sind bereits gegangen, andere stehen minutenlang und applaudieren wie in Trance. Für sie ist das nun die Musik der Zeitgenossen. Ähnlich fordernd, wie die eines Wolfgang Rihm oder Gordon Kampe, die sie wohl nie kennen lernen werden.
„Es gibt keinen Grund, und besonders keinen Zwang, meine Musik zu hören“, sagt Richter. „Wir sind freie Länder und es gibt so viele andere Kompositionen!“ Er selbst macht kein Geheimnis daraus, welche Kollegen er besonders schätzt. Steve Reich und Philip Glass, John Luther Adams, Caroline Shaw, Thomas Adès und Hans Abrahamsen kommen ihm da als erstes in den Sinn.

Millionen hören Max Richters Musik, die oft genug als Avantgarde vermarktet wird. Das ruft Kritiker auf den Plan, besonders aus der Szene der landläufig anerkannten Avantgarde. Kritik an seiner vermeintlichen Kommerzialität lässt Richter kalt: „In unserer Kultur sind wir misstrauisch, wenn etwas schön ist, das ist die alte Adorno-Prägung. Der war übrigens ein furchtbarer Komponist.“ Der Zeitenwandel sei in vielen Köpfen in der Musikszene noch nicht dagewesen. „Experimentell und neu – das klingt heute eben nicht mehr wie Boulez und Stockhausen. Aber alles, was mit diesen Hybriden zwischen Elektronik und klassischer Musik passiert, ist neues Terrain, und daran bin ich interessiert.“ Dass er die Heiligtümer Donaueschingen und Darmstadt mit dieser Einstellung wohl nie betreten wird, nimmt er grinsend und achselzuckend zur Kenntnis.
Mit „Voyager“ gibt es nun ein Album, auf dem sich Richters Schaffen aus den rund 20 letzten Jahren hören lässt. Ein gewisser Hang zu Schönheit, aber auch zu Schwermut ist nicht zu verleugnen. „Komponieren ist für mich ein soziales Projekt. Fast alle meine Werke haben gesellschaftliche Auslöser, die Anschläge in London, den Irakkrieg zum Beispiel. Würde ich keine politische Musik schreiben, würde ich in meiner Arbeit nicht genug Sinn sehen.“
Und das ist dann doch eine Überraschung. Sollte die Harmonie in Richters Musik also nur Fake sein, eine innere Emigration? So klar seine Stücke scheinen, so unklar bleiben also Absicht und Hintergedanken. In dieser Hinsicht geht der zurückhaltende Brite ganz klassisch den Weg vieler großer Künstler und Komponisten vor ihm, die sich ihre besondere Aura erhalten wollen. Er bleibt nebulös.

Ad Astra (OST)

Max Richter

DG/Universal

„Voyager – Essential Max Richter“

Max Richter

DG/Universal

Malte Hemmerich, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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