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Foto: Bühnenbildentwurf von Etienne Pluss

Oper Graz

Mit den Augen der Täterin

Die Oper Graz präsentiert Mieczysław Weinbergs „Passagierin“ als großen Abschied von der Ära der Dirigentin Oksana Lyniv.

Es war die vielleicht bedeutendste posthume Uraufführung seit „Lulu“ und „Moses und Aron“: Als 2010 bei den Bregenzer Festspielen Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“, szenisch uraufgeführt wurde, war der Komponist schon 14 Jahre nicht mehr am Leben. Niemand ahnte, dass die Aufführung unter Leitung von Teodor Currentzis der Urknall einer riesigen, internationalen Weinberg- Renaissance werden würde. Besonders der Geiger Gidon Kremer sprang rasch auf den Zug auf. Er hatte Weinberg noch persönlich kennengelernt. „Ich habe ihn verkannt“, so Kremer reumütig. Von Weinbergs bereits 1968 vollendetem, zentralem Hauptwerk gab es seit der Bregenzer Produktion (die nach Warschau, London, Houston und New York wanderte) bereits etliche Neuinszenierungen; so in Karlsruhe, Frankfurt, Gelsenkirchen und Altenburg-Gera. Ein Fall für die Provinz?! „Die ‚Passagierin‘ ist ein Meisterwerk“, so die Dirigentin in Graz, Chefdirigentin Oksana Lyniv. „Weinberg steht damit auf gleicher Höhe wie ‚Wozzeck‘, ‚Herzog Blaubarts Burg‘ und ‚Lady Macbeth von Mzensk‘.“ Mit Dmitri Schostakowitsch ist Weinberg schon oft verglichen worden. Zu oft. „Weinberg ist kein Schostakowitsch- Epigone“, sagt Oksana Lyniv. „Er ist weniger von der russischen als von der polnisch-jüdischen Tradition beeinflusst. In der Sowjetunion war er unbeliebt.“ Lyniv selbst, aus der Ukraine stammend, kannte nur seinen Namen, nicht das Werk. „Weinberg und Schostakowitsch teilen denselben Hintergrund – nur daher die Ähnlichkeiten.“ Dass ein Werk, in dem eine ehemalige KZ-Aufseherin einem Ex-Häftling wiederbegegnet, tonal komponiert ist, mag befremden. „Es gibt viele Einflüsse der Zwölftonmusik, des Expressionismus und des Jazz, so dass eher von einer Polystilistik die Rede sein sollte“, so Lyniv. „Entscheidend für jedes Musikwerk ist, dass man von ihm gefesselt wird“, sagt sie. „Und das ist bei Weinberg der Fall.“ Für die 42-jährige und ehemalige Assistentin von Kirill Petrenko wird es die letzte Produktion einer nur dreijährigen Amtszeit als Chefdirigentin in Graz. „Ich habe noch kaum international gearbeitet, und möchte dies gern nachholen“, sagt Lyniv. Ein Aufstieg scheint ihr fast gewiss. Für die äußerst umtriebige Oper Graz ist die Neuinszenierung eine Zier. Denn den großen Hauptstadt-Opern wird erneut der Rang abgelaufen. „Es ist eine gewaltige Herausforderung, sich auf der Opernbühne mit dem Thema Auschwitz zu beschäftigen“, so die Regisseurin Nadja Loschky. „Der Ausgangspunkt, ein autobiografischer Roman von Zofia Posmysz, unterwandert jede Schwarz- Weiß-Zeichnung. Hier ist die Protagonistin, die normalerweise als Identifikationsfigur dient, eine Täterin.“ In Graz ist die Opernproduktion in ein aufwändiges Rahmenprogramm eingebettet. Zwei weitere Produktionen daraus sind „Friede auf Erden“ mit der Erzählerin Sunnyi Melles und Musik von Strawinski und Schönberg (26.3./2.4.), sowie Olga Neuwirths Musik zum historischen Film „Die Stadt ohne Juden“ als Stummfilmkonzert (9.6.). Loschky ist Schülerin von Alt- Skandaluzzer Hans Neuenfels und assistierte ihm beim berühmten ‚Ratten- Lohengrin in Bayreuth. Neuenfels’ Herangehensweise, so betont sie, sei stets „von einem großen Respekt gegenüber dem Komponisten und seiner Musik geprägt“. Ganz anders als er von außen wahrgenommen wird. Sei’s drum. Internationaler Anerkennung kommt Weinbergs „Passagierin“ durch Loschkys Neuproduktion in Graz einen ganz entscheidenden Schritt näher.


1Die nächsten Aufführungen der „Passagierin“:
14. (Premiere)/19./21./25.3., 17./19./22./26.4., 8./14.5.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2020



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