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Proben den Aufstand – und zu recht: Die Junge Deutsche Philharmonie © Achim Reissner

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Paukenschlag

Wow! Was für einen illustren Kunden- und Künstlerkreis hat die Musikeragentur „Columbia Artists Management“ im Laufe ihrer knapp 100-jährigen Geschichte da betreut! Elisabeth Schwarzkopf und Lauritz Melchior, Vladimir Horowitz und Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Igor Strawinski, Mstislav Rostropowitsch und Otto Klemperer waren in den Händen dieser Edel-Agentur. Und zu den aktuell aktiven Big Names gehörten Anne-Sophie Mutter, Maurizio Pollini, Gidon Kremer und Valery Gergiev. Was für ein Who´s Who der Klassik. Und wohl niemand hätte im Leben daran geglaubt, dass diese Erfolgsstory von heute auf morgen von gestern sein würde. Doch das ist tatsächlich jetzt eingetreten. Denn die in New York ansässige Agentur hat seit dem 1. September den Betrieb eingestellt und die Rollos runtergelassen. Die Ursache für das Ende dieser weltweit größten Musikeragentur ist jedoch keine große Überraschung. Denn mit Corona ist für das Columbia Artists Management die Auftragslage gegen Null gegangen. Konzerte und Opernaufführungen wurden wie im Rest der Welt auch in den USA ausgesetzt. Und die Zukunft selbst von den namhaftesten US-Orchestern sowie etwa der New Yorker MET sieht momentan auch noch nicht rosiger aus. Wer dementsprechend von der Vermittlung namhaftester Musiker und Orchester lebt, der kann eine mehrmonatige Durststrecke mit dem entsprechenden Ausfall an Provisionen kaum überstehen. So also musste man nach 90 Jahren, in denen man auch europäische Weltklasseorchester in die USA geholt hatte, die Reißleine ziehen und sich von seinen Künstlern verabschieden. Der Run auf die Mutters, Pollinis & Co. dürfte aber bereits eingesetzt haben. Schließlich gibt es ja weiterhin zahlreiche Musikeragenturen, die sich nun um die prominenten Musiker balgen werden.
Natürlich hofft auch der Musikernachwuchs, dass er irgendwann einmal eine vielversprechende Laufbahn einschlägt, deren Geschicke von einer Agentur organisiert und terminiert werden müssen. Diesen Traum haben zum Beispiel die vielen jungen Musiker und Musikerinnen der Jungen Deutschen Philharmonie. Nur hat auch für sie Corona erhebliche Auswirkungen gehabt, was die praktische Erfahrung angeht. So hat man jetzt in einem „Offenen Brief“ beklagt, dass „in der Hochphase der Krise neben dem Spielbetrieb der Orchester auch nahezu alle Probespiele eingestellt wurden. Unsere Befürchtungen – die sich leider bei einigen Orchestern auch schon bestätigt haben – sind, dass durch den Ausfall der Probespiele und auch durch die heftigen finanziellen Einbußen der Orchester die Ausbildungsplätze für die nächste Spielzeit bedroht sind.“ Zudem gibt man zu Bedenken, dass die Teilnahme an einem Probespiel meistens an eine Altersgrenze gebunden ist. Musiker und Musikerinnen des letzten möglichen Jahrgangs, die in diesem Jahr – und speziell in diesem Sommer – an einem Probespiel teilnehmen wollten, „haben dazu nun keine Chance mehr. Für diese entfällt somit auch die Möglichkeit, ein Praktikum oder eine Akademie anzutreten.“ Daher fordert man nun, die Altersgrenze zumindest für die in 2021 anstehenden Probespiele um ein Jahr anzuheben. Das sollte doch unbürokratisch möglich sein.

Guido Fischer



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