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(c) Marcos Hermes

Blind gehört

Bruno de Sá: „Julia, ich hasse dich!“

Der Brasilianer Bruno de Sá (30) ist neben dem Venezolaner Samuel Mariño einer von zwei männlichen Sopranen, die gegenwärtig die Klassik-Szene aufmischen. Geboren und aufgewachsen in São Paulo, war de Sá zuletzt in Basel engagiert. Hier sang er die Kleine Meerjungfrau in der Uraufführung von „Andersens Erzählungen“, inszeniert von Philipp Stölzl, außerdem unter anderem die Barbarina in „Le nozze di Figaro“. Sein Debüt-Recital erscheint bei Warner. Bruno de Sá lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.

Ich kriege sofort Herzklopfen. Das ist „Polifemo“, meine erste Oper von Bononcini, in der ich letztes Jahr bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci aufgetreten bin. Es muss die Aufnahme sein, die damals entstand. Mein Gefühl, wenn ich die Ouvertüre höre: Jetzt habe ich noch drei Minuten! Zum Einsingen mussten wir den Backstage-Bereich verlassen, weil alles sehr hellhörig war. Es mag ja sein, dass ich ziemlich am Anfang stehe, aber Bononcini kam mir weniger kompliziert und raffiniert vor als etwa Nicola Porpora. Der Dirigentin Dorothee Oberlinger muss ich es lassen, dass sie – als Flötistin – wirklich mit den Sängern zu atmen versteht. Bei meinen Kadenzen, die ich selber geschrieben habe, half sie mir. Überhaupt eine sehr schöne Arbeit.

Bononcini

„Polifemo“

Dies ist Max Emanuel Cencic. Ich höre es daran, dass er die Wärme der Mittellage bis in die höchsten Töne auszudehnen versteht. Genau damit haben etliche Countertenöre ihre Schwierigkeiten. Die Stimmen sind dafür oft zu hell, was allerdings auch ganz nett sein kann. Es ist gut für den sogenannten squillo, einen leichten Trompetenton in der Stimme. In Bayreuth haben Cencic und ich dieselbe Garderobe geteilt. Ein Glück, dass wir befreundet sind! Mein Respekt für das, was er geleistet hat, ist groß. Wir Jüngeren stehen auf seinen Schultern, denn Cencic hat uns manch neue Tür geöffnet. Ich weiß, dass unsere Tradition viel weiter zurückreicht, mindestens bis zu Alfred Deller. Auch David Daniels, Andreas Scholl und Franco Fagioli betrachte ich als Meister und große Vorgänger. Wie alt diese Aufnahme ist? Maximal zehn Jahre, würde ich sagen. Heute ist Max’ Stimme dunkler, tiefer auch.

Hasse

„Tito Vespasiano“

Fabelhaft! Hier handelt es sich um „Tanti affetti“ aus „La donna del lago“. Ist das Joyce DiDonato? Nein?!! – Oh. Julia Lezhneva, na klar. Da habe ich aber danebengehauen. Wenn ich Julia Lezhneva sehe, kann ich ihr inzwischen immer nur sagen: „Julia, ich weiß nicht mehr, wie ich dich noch loben soll. Ich hasse dich!!“ Diese riesigen langen Phrasen, diese unverschämten Atemreserven. Mir wird schwindelig, wenn ich das höre. Julia kann ihr Vibrato in einen Triller übergehen lassen, schier unglaublich, und baut dabei noch ein Decrescendo ein. Wenn man sie fragt, wie sie das hinkriegt, weiß sie auch keine rechte Antwort darauf. Die Rolle der Elena übrigens könnte ich vielleicht singen, würde es aber trotzdem nicht tun. Mein Respekt ist zu groß. Mein Traum besteht vielmehr darin, eines Tages als Rosina im „Barbiere di Siviglia“ aufzutreten. Warum nicht? Wenn Mezzo-Soprane Männerrollen übernehmen, sollte das heutzutage kein Problem sein.

Rossini

„La donna del lago“

Hier hören wir den hohen Countertenor Franco Fagioli. In der Mittellage hat er einen sehr charakteristischen, durchdringenden Klang. Oben ist die Stimme erstaunlich weich. Es gibt da eine gewisse, stilistische Ähnlichkeit mit Cecilia Bartoli. Der Unterschied: Sie kommt nicht so hoch! Große Leistungen, finde ich, dürfen immer auch kopiert werden. Ich habe oft versucht, etwas von Joyce DiDonato, Philippe Jaroussky oder Anna Netrebko zu übernehmen. Schade, dass das gar nicht so einfach ist. Für gefährlich halte ich es nicht. Ich kann Netrebko noch so eifrig nachmachen, und werde doch niemals eine Netrebko werden.

Vinci

„Semiramide riconosciuta“

Die Stimme – hier bei der Arie der Barbarina – macht einen eher jungen Eindruck auf mich. Die Aufnahme ist älter. Etliche Farbentscheidungen würde man heute anders treffen. Die Stimme klingt etwas spitz, die Phrasierung, ehrlich gesagt, ist leicht unbeholfen. Andererseits: Wie schön! Unser Irrtum heute ist, dass wir bei älteren Aufnahmen immer nach einem Haar in der Suppe suchen. Dabei sind es gerade die scheinbaren Fehler, die Sänger so unverwechselbar – und in der Folge so bewundernswert gemacht haben. Fehler machen speziell. Ich kenne Sänger von heute, die mir eigentlich zu perfekt vorkommen. Besonders bei Bach, da versuchen alle immer ganz besonders vollkommen zu sein. Und werden zu neutral. Wir Brasilianer, denen gern das Klischee vom überspringenden Temperament nachgesagt wird, sagen: Temperament ist Flexibilität. Es bedeutet: Erst machen wir die Fehler, dann machen wir’s wieder gut. Auch die Sänger, die ich sehr bewundere, habe ich immer am meisten bei ihren Fehlern und Krisen bestaunt, wenn ich sie bei solchen beobachten konnte. Wenn jemand, der sein Handwerk versteht, aus einer Sackgasse herausfindet, ist das immer ein Vergnügen. Wer war das nun eigentlich? – Anny Felbermayer? Man findet nicht viele große Sänger, die sich zur Rolle der Barbarina herablassen. Dabei hat sie tatsächlich die einzige Arie in Moll, die es im „Figaro“ gibt. Und gar nicht leicht zu singen.

Mozart

„Le Nozze di Figaro“

Hm, David Hansen ist das vermutlich nicht. Die Stimme ist sehr klar, auch sehr kontrolliert geführt. Die Töne werden von unten her angesetzt, nur die Triller von oben. Das alles ist sehr bewusst ausgeführt. Es gefällt mir, ist aber sehr fern von mir. Ich vermisse ein wenig Feuer und Energie. Es klingt irgendwie niederländisch. Zu wenig Drama, zu wenig Emotion. Und darauf kommt es doch eigentlich an, oder?! Merkt man vielleicht daran, dass ich von der Oper her komme? Dieser Sänger hier, ich kenne ihn nicht, kommt eher vom Konzert und vom Oratorium her. Er steht wohl in einer englischen Tradition. Ich muss zugeben: Was für eine schöne Stimme! Ungewöhnlich ausgeglichen und rein. Ein anderer cup of tea. – Michael Chance? Ehrlich gesagt, ich kenne den Sänger nicht. Aber es ist ganz klar: Er singt schöner als die meisten Countertenöre heute.

Händel

„Agrippina“

Das ist Samuel. Wir sind etwas befreundet. Das Album kenne ich. Begegnet sind wir uns bei den Händel-Festspielen in Halle. Wir haben nicht in derselben Produktion gesungen, aber natürlich habe ich verfolgt, was mein schärfster Rivale so unternimmt. Wir waren außerdem beide beim Wettbewerb „Neue Stimmen“. Gottlob sind wir sehr verschieden. Er liebt sehr die Koloratur-Feuerwerke. Ich nicht so. Mir geht es mehr um Dinge wie die messa di voce, also das Anund Abschwellenlassen der Töne. Ich bin schon lange bei der Sache, denn meine Entscheidung, Sänger zu werden, fiel im Alter von 2 Jahren. Sie haben richtig gehört. Meine Eltern sangen im Chor, ich begleitete sie bei den Proben. Und habe dann prompt erklärt, dass ich unbedingt in der Kirche auftreten will. Im Chor sang ich Knabensopran. Ich kam höher als viele Mädchen. Der Stimmbruch erfolgte eher spät, so mit 15, 16 Jahren. Ich begann mit der Flöte und wollte Musiklehrer werden. Bis jemand meine hohen Töne hörte, sich zu wundern begann und mir sagte, da wäre etwas. Etwas merkwürdig, leicht sonderbar. Vielleicht würde es sich lohnen, das auszubauen.

Händel

„Berenice, Regina d’Egitto“

Das ist ja zum Schreien. Wahnsinn!! Die hat gestochen scharfe Spitzen, und oktaviert sogar noch nach oben, weil es ihr nichts ausmacht. Unfassbar, wie leicht die Stimme ist und wie durchschlagend zugleich. So etwas gibt es heute überhaupt nicht mehr. Inzwischen verfügen alle Stimmen über viel mehr Körper und Substanz. Über mehr dunkle Farben. Trotzdem muss man zugeben, dass diese Sängerin sogar hörbar Unterleib hat. Ich höre, aus professioneller Sicht, kleinere Fehler und Unsauberkeiten. Es gibt ein leichtes Problem mit dem Vibrato. Aber das sind nur akademische Kriterien, gut, um sich daran zu verbessern. Das Publikum muss sich dafür nicht interessieren. Ich glaube, wenn ich so drüber nachdenke, dass der angefügte Schlusston bei der Sängerin, die letztes Jahr in Salzburg die Königin der Nacht sang, sogar noch höher lag. Aber diese Geläufigkeit wie hier hatte sie nicht. Also wer ist das nun? – Frieda Hempel. Ich habe den Namen schon einmal gehört. Für diese Sängerin habe ich nur ein Wort: Bitch!!

Mozart

„Die Zauberflöte“

Neu erschienen:

Bononcini

„Polifemo“

mit de Sá, Invernizzi, Fernandes, Rasker, Gaysina, Mameli, Ladurner, Ensemble 1700, Oberlinger

dhm/Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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