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(c) Anna Maggy

Boulevard

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Musikalische Innensicht

Woher Komponisten ihre Inspirationen nehmen, kann unterschiedlich sein. Der Isländer Ólafur Arnalds stellt bei jedem seiner Alben eine bestimmte Inspirationsquelle in den Mittelpunkt – und macht sie somit selbst zum Thema. So hatte er beim Album „Island Songs“ Kraft aus dem Ambiente bestimmter Orte seiner Inselheimat gezogen, bei „re:member“ waren es die Geheimnisse des sogenannten „Stratus-Klaviers“. Nun ist Arnalds wieder autobiografisch unterwegs. Die fein ausgehörten Klangschichten aus elektronischen Patterns, die sich wie in feinen Nebeln mit akustischen Spuren mischen und hinter denen manchmal mehr oder weniger rätselhaft wie hinter Wolken verborgene Gesänge auftauchen, sind – nach Aussagen des Komponisten – Erinnerungen an die Stationen von Arnalds Lebensgeschichte. Seinen Rückblick unternimmt er übrigens nicht allein, sondern hat befreundete Musiker (Bonobo, JFDR oder Josin) als Weggefährten eingeladen.

Ólafur Arnalds: Some kind of peace

Decca/Universal

Die Lockdown-Oper von Nicholas Lens

Vielleicht werden Projekte wie dieses einmal als besondere Früchte der Corona-Krise mit dem damit verbundenen Verbot von persönlichen Begegnungen die Wissenschaftler beschäftigen beschäftigten: Der belgische Komponist Nicholas Lens trieb sich im Lockdown mit dem Fahrrad im leeren Brüssel herum, und vor seinem schweifenden geistigen Auge erstanden Szenen uralter japanischer Tempel, deren Eindruck sich dann zur Idee einer besonderen Oper verband. „L.I.T.A.N.I.E.S.“ ist eine Folge von tranceartigen Gebeten, für die Lens dann auch einen außergewöhnlichen Librettisten fand: Nick Cave, bekannt als Frontman der Band „The Bad Seeds“. Lens schuf die Partitur selbst wie in einer Art Trance, und als das Werk vollendet war, schloss sich gleich die Produktion unter Corona-Bedingungen an: Elf Musikerinnen und Musiker spielten ihre Parts nacheinander ein – in Einzelsitzungen in Lens’ Haus. „L.I.T.A.N.I.E.S.“ weicht mit seinen zwölf Stücken mit den inhaltlichen Stationen von Geburt, Blüte, Sehnsucht, Bruch bis Wiedergeburt freilich von der traditionellen Opernform ab. Konzeptalbum, Hörspiel, Audiokunst, Kammeroper – vieles fließt hier zusammen.

Nicholas Lens & Nick Cave: L.I.T.A.N.I.E.S.

DG/Universal

Gautier Capuçons große Klangreise

Es gibt Momente, da will ein Cellist mal so richtig im Klang seines Instruments baden – abseits von großen Konzerten und Sonaten. Hier hat Gautier Capuçon diesem Drang nachgegeben – und spielt mit großem Ton, sehr viel Geschmack und immer diesseits der Kitsch-Grenze in herrlichen Arrangements Titel, die zum Teil mit Paris verbunden sind – der Stadt, von der Capuçon ein paar Eindrücke auf einer schönen Fotostrecke im Booklet präsentiert. Schon die Eröffnung, eine Instrumentalversion des pathetischen Chansons „Hymne à l’amour“ zeigt, wohin die Reise geht: in die Tiefen französisch gefärbter Emotionen, mit einer neuen Fassung von Claude Debussys „Clair de lune“, zu Erik Saties erster „Gymnopédie“ oder Gabriel Faurés „Pavane“. Doch das Album bietet mehr als Melodien à la française, und auch mehr als getragen Kantables. So geht es mit dem hochvirtuosen Monti-Czardas nach Ungarn, mit Dvořáks „Lied an den Mond“ nach Böhmen, mit Albinoni oder Einaudi nach Italien, mit Piazzolla und Scott Joplin sogar über den Atlantik. Der zweite Star des Albums ist neben Capuçon dessen langjähriger Klavierpartner Jèrôme Ducros, der für etliche der wunderschönen Arrangements gesorgt hat.

Emotions

Gautier Capuçon

Erato/Warner Classics

Chansons von einem Opernstar

Wie für so viele, hatte auch für den Tenor Roberto Alagna der Lockdown dramatische Folgen. In seinem Fall fiel ein ganzes Projekt mit Opernmusik ins Wasser. Und in die so entstandene Leerstelle trat dafür die Erfüllung eines, wie Alagna selbst schreibt, lang gehegten Wunsches. Der Sohn einer italienischen Familie, der in Paris aufwuchs, entdeckt hier die vielen Facetten französischer Chansons – von „J’attandrai“ über „Les feuilles mortes“ bis zum Klassiker „Padam, padam“. Wer dieses Album in die Hand bekommt, stellt sich unmittelbar die Frage: Erscheint das französische Liedgut nun in einer Art Opernstil mit dem Glanz eines Heldentenor? Die Antwort ist Nein. So entspannt hat man einen Opernstar selten erlebt! Wahrscheinlich hat ihn zur neuen Lockerheit auch das exquisite kleine Begleitensemble inspiriert.

Le Chanteur

Roberto Alagna

Sony Classical

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 6 / 2020



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