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Plateaus

Lea W. Frey

Enja Yellowbird/Soulfood YEB7777
(45 Min., 2015/16)

Es war ein Teufelskreis für die Berliner Vokalistin Lea W. Frey: Als sie klassischen Gesangsunterricht hatte, verbot ihr die Lehrerin, in einer Rock-Band zu singen. Als sie dann Jazz studierte, riet man ihr davon ab, parallel weiterhin in der Klassik tätig zu sein. Inzwischen, nach zwei Alben mit surreal-verträumten Versionen von bekannten Songs der Smiths, der Beatles, The Cure oder Depeche Mode und einem Auftritt als Beethoven-Interpretin in der Berliner Philharmonie, hat sich Frey entschieden: Weder Klassik noch Jazz spielen auf „Plateaus“, ihrem ersten Album mit ausnahmslos eigenen Stücken, vordergründig eine Rolle. Das haben sie nun davon!
Wobei natürlich eine solche Aufnahme wie „Plateaus“ völlig undenkbar wäre ohne den Einfluss der beiden Genres, aus denen Frey ursprünglich kommt. Da wäre beispielsweise die hohe Singkultur, die sich etwa in den nonverbalen Sirenengesängen der Bandleaderin artikuliert. Oder das müde Dahingleiten auf Klangwellen, die aus den jazz- und jam-bewegten Ozeanen des deutschen Krautrock von Can bis Weilheim, des amerikanischen Noise und der skandinavischen Elektroimprovisation herüberschwappen.
Wenn Frey aber ihre eigensinnigen Texte inmitten der Soundscapes und Pattern ihrer organisch verschmelzenden Begleitband (Liz Kosack: Synthesizer, Peter Meyer: Gitarren, Bernhard Meyer: Bass, Andi Haberl: Drums) ausbreitet wie eine weise Märchenerzählerin ihre Picknickdecke inmitten eines unwirklichen Zauberwaldes, offenbart sich noch anderes: Frey versteht es fabelhaft, sich zurückzunehmen und in den Dickichten ihrer langsam wuchernden Musik zu verschwinden wie ein scheues seltenes Tier.
Vergleiche etwa mit Kate Bush, die sich kurz aufdrängen mögen (etwa in „Dylan“), werden hinfällig angesichts von Freys Individualstil, der das Theatralisch-Überspannte meidet. Vor diesem Hintergrund ist es auch egal, wo man diese Musik einordnen soll. Ist es Pop? Indierock? Lea W. Frey hat ein eigenes Plateau erklommen, auf dem sie flüsternd und summend auf eine Welt blickt, die obsolete Einteilungen liebt.

Josef Engels, 28.10.2017



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