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Christoph Willibald Gluck

Philémon et Baucis

Les Talens Lyriques, Christophe Rousset

Ambroisie/harmonia mundi AMB9995
(98 Min., 1/2006) 2 CDs

Die "Feste d’Apollo", wie die beiden hier wiedergegebenen Kurzopern eigentlich heißen, werden im Booklet nicht unzutreffend, aber hochtrabend als Glucks "Manifest der reformierten Künste" bezeichnet. Sie präsentieren sich noch ganz im Prunk und verschnörkelten Ornat des französischen Barock. Der titelgebende "Atto di Bauci e Filemone" ist nur der zweite Teil eines zweiaktigen Opéra-ballet. Den ersten, etwas längeren Teil bildet der (gleichfalls auf dieser Doppel-CD enthaltene) "Atto di Aristeo".
Gluck komponierte den Zweiteiler 1769 für die Hochzeit des Herzogs von Parma mit der Erzherzogin von Österreich. Das frankophile Klima der Bourbonen in Parma animierte ihn zu einer "fête théâtrale"; klanglich nicht unähnlich der in Wien vorangegangenen "Cythère assiégée" und "Les Pélerins de la Mecque". Er recycelte freizügig eigene Werke (wie "Ezio", "Telemaco" und "Semiramis"). Und rettete einige Passagen anschließend in "Iphigénie en Tauride" und "Iphigénie en Aulide" hinüber - wodurch der reformopernhafte Kontext gewährleistet ist.
Mit der Aufnahme ist Christophe Rousset ein kleiner Wurf gelungen. Die fingerläufige Flexibilität der Talens Lyriques, von charmierender Puscheligkeit, dunkel grundiert, hebt die Übergangsstellung zwischen französischem Duktus und italienischem Idiom kongenial hervor. Der Klang des Ensembles hat deutlich von William Christies "Les Arts Florissant" profitiert (wo Rousset früher Cembalist war). Mit dieser Aufnahme jedoch profiliert sich der Dirigent als Meister vergessener Traditionen mit einer eigenen, deutlich weicheren Tongebung (mit der er vor allem in Traëttas "Antigona" vor einigen Jahren triumphierte).
Der flirrende Koloratursopran von Ditte Andersen (Bauci, Cirene) erreicht atemberaubende Wurfhöhen der Virtuosität. Ann Hallenberg (Aristeo, Una Pastorella), Marie Lenormand (Filemone, Cidippe) und Magnus Staveland (Ati, Giove) becircen als im Italienischen gastierende, aber wunderbar charakterisierende Barockvögel.
Man fragt sich, warum Glucks vorreformerische Werke noch immer so unbeliebt sind. Es liegt wohl daran, dass man sie seinen Reformopern für pauschal unterlegen hält. (Und da man sich schon bei diesen heimlich langweilt - mit Ausnahme von "Orpheus und Eurydike" -, gibt man jenen wenig Kredit.) Das ist ein Fehler. Die zwei Petitessen sind Raritäten mit einem erstaunlichen Genussfaktor. Vielleicht endlich die Trendwende zugunsten Glucks.

Robert Fraunholzer, 22.09.2006



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