Die Geschichte der treuen Alceste, die als Einzige ihres Volks an Stelle ihres todkranken Gatten König Admet zu sterben bereit ist, hat für spöttische Kommentare gesorgt. Umso größer ist das Wagnis, das Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer als "Inszenierung des Jahres 2006" ausgezeichneten Produktion eingehen: Sie versuchen, die Story psychologisch glaubwürdig für ein heutiges Publikum zu erzählen. Auf den ersten Blick hat ihre Idee, die Handlung in der Zentrale einer hierarchisch organisierten Sekte spielen zu lassen, etwas Bezwingendes: Alcestes bedingungslose Hingabe, mit deren Konsequenzen die todesmutige Königin sich noch im Stück auseinandersetzen muss, wird eben so plausibel wie die Abhängigkeit des Volkes von Herrschern und Göttern.
Was das Bühnenbild betrifft, funktioniert denn auch die Übertragung ins Heute: Die Sektenzentrale sowie die strenge Kleidung der Protagonisten im Stil 60er Jahre sind im spannenden Grenzbereich zwischen kalter Geschmacklosigkeit und attraktiver Retro-Ästhetik angesiedelt. Doch leider ist die Personenführung weniger geglückt. Während Gluck sich auch dort vorsätzlich in die Leidenschaften seiner Protagonisten hineinsteigert, wo sie beginnen, fragwürdig zu werden, da hält die Regie Sicherheitsabstand: Sie verweigert uns das Mitgefühl mit den Sektenmitgliedern, will sie immer auch als manipulierte und verklemmte Wesen zeigen. Doch Verklemmtheit und Gluck’sche Emotion schauspielerisch auf einen Nenner zu bringen, ist zu viel verlangt von den Sängerdarstellern. Dass man ihnen meist weder Gefühl noch Gesten glaubt, hat allerdings auch musikalische Gründe: Dirigent Constantinos Carydis ist ein stilistisch versierter Sachwalter der Partitur, starke dramatische Akzente oder psychologische Untertöne, welche die szenische Lücke füllen könnten, gehen von ihm jedoch nicht aus. So bleibt die sängerisch wie darstellerisch starke Catherine Naglestad als Alceste im Niemandsland zwischen echtem und falschem Gefühl hängen. Und auch dass ihr Partner Donald Kaasch als rekonvalseszenter Admète seinen bereits etwas angegriffenen Tenor im kopfigen Piano schont, ist nicht die Glaubwürdigkeit, die man sich von dieser Rolle erhofft hat.

Carsten Niemann, 24.03.2007



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