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Robert Schumann, Jörg Widmann

Es war einmal (Märchenerzählungen op. 132, Fantasiestücke op. 73, Märchenbilder op. 113, 5 Stücke im Märchenton)

Tabea Zimmermann, Jörg Widmann, Dénes Várjon

Myrios Classics/hm MYR020
(70 Min., 12/2015)

Die künstlich-künstlerische Verschleierung der Wirklichkeit ist einer der Topoi der romantischen Schaffensweise, und den Literaten wie auch den Musikern jener Epoche kamen u. a. Mythen und Märchen als Inspiration für den Akt des Verschleierns entgegen: Wie wunderbar lassen sich sensible innere Erfahrungen, die als zu fragil für den harten Zusammenprall mit Wirklichkeit empfunden werden, in die traumähnlichen, irrealen Bilder fantastischer Erzählungen kleiden! Ein Musiker wie Robert Schumann, dem der innere Zusammenhang verschiedener Kunstgattungen bewusst war und am Herzen lag, ließ sich vom Märchengenre denn auch musikalisch inspirieren, wovon seine Zyklen „Märchenerzählungen“, „Märchenbilder“ und „Fantasiestücke“ zeugen. Tabea Zimmermann und Jörg Widmann haben sich dieser Zyklen, von denen der erste für Klarinette, Viola und Klavier, die anderen beiden jeweils für eines der beiden Soloinstrumente mit Klavierbegleitung komponiert sind, interpretatorisch angenommen. In Doppeleigenschaft als Klarinettist und Komponist hat Jörg Widmann außerdem einen eigenen Zyklus für die Triobesetzung beigetragen. Widmann fügt dem Genre, das ja als solches schon mit der Brechung von Wirklichkeit im Prisma des Fantastischen operiert, eine weitere Brechung hinzu: Musik im Stile Schumanns erklingt hier anfangs noch fetzenweise wie im Nebel, gleitet aber immer wieder rasch in ein atonales, teils auch bis zum Geräuschhaften vordringendes Idiom ab, das sich dann für die folgenden Sätze weiter etabliert und ausdifferenziert. Spannender fast als Schumanns Musik sind diese Stücke, die ganz zeitgenössisches Empfinden und Erleben im Umgang mit Realität und Fiktion, mit Wirklichkeit und Unwirklichkeit widerzuspiegeln scheinen. Tabea Zimmermann, Jörg Widmann und ihr Partner am Klavier, Dénes Várjon, erweisen sich jedenfalls als lang schon eingespieltes Team und sowohl im älteren wie im neuen Repertoire als souveräne Interpreten; Widmann erinnert im Interview daran, wie schwierig auch der interpretatorische Umgang mit den im Vergleich so überaus zugänglich scheinenden Stücken Schumann doch ist: eine sehr inspirierende Produktion.

Michael Wersin, 03.02.2018



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