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Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte 2 & 4

Lars Vogt, Royal Northern Sinfonia

Ondine/Naxos ODE 13112
(62 Min., 3 & 6/2017)

Das Beethoven-Jahr 2020 wirft langsam seine Schatten voraus. Interpreten wie Autoren setzen sich aufs Neue mit der schon bis jetzt ausgesprochen weitreichend bedienten Beethoven-Deutung und -Biografik auseinander: In welchem Verhältnis steht der Meister zu Mozart und Haydn? Was war überhaupt seine ureigene musikalische Botschaft, und inwieweit ist diese musikalische Botschaft darüber hinaus auch eine allgemein menschliche, politische, soziale, philosophische …? Man gelangt mit Beethoven und der Interpretation seines Schaffens so schnell und so einfach nicht zu einem Ufer.
Auch Lars Vogt hat sich als selbst dirigierender Pianist im vergangenen Jahr erneut mit Beethovens Klavierkonzerten auseinandergesetzt; die hier präsentierten, live mitgeschnittenen Darbietungen des zweiten und des vierten Konzerts sind ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung und zugleich der Abschluss seiner Gesamteinspielung, ergänzt um das Tripelkonzert. Im Interview betont er die Eigen-Artigkeit auch schon des zweiten, das ja chronologisch eigentlich Beethovens „Erstes“ ist. „Ecken und Kanten, die schon auf den späteren Beethoven hindeuten“, macht Vogt bereits in diesem Werk aus und relativiert damit die verbreitete Meinung, Beethoven sei zu dieser Zeit noch epigonal vor allem auf Mozart und Haydn bezogen gewesen. Und tatsächlich findet Vogt besonders im „Adagio“ nicht nur „Ecken“, sondern ein interpretatorisches Gesamtkonzept, das den tiefen Ernst und das Aussage-Gewicht dieser Musik überzeugend zu Tage fördert – wahrlich kein Haydn.
Irritierend ist, hier wie insgesamt auf dieser CD, allenfalls der zeitweise übermäßig schwere, auch stark Pedal-geschwängerte Klang, den Vogt dem Flügel entlockt. Dies ist auch im vierten Klavierkonzert, aufgenommen drei Monate später im selben Saal, nicht anders. Dem ungewöhnlichen Klavier-Beginn des Stücks kommt er damit nicht gerade entgegen: Weil das Klavier so wenig obertonreich und prägnant, eben einfach nicht wirklich nach Klavier klingt, entgeht dem Hörer der so bedeutsame solistische Anfang beinahe. Der Pianist positioniert sich klanglich zu wenig als „Gegenüber“ des Orchesters. Dabei ist das ja gerade der Witz des Stücks, wie sich im zweiten Satz dann ausführlich zeigt: Der ist ein langer Dialog zwischen einem schroff argumentierenden Orchester und einem besänftigend mit tiefer Ruhe agierenden Solisten, dem es nach einer Weile tatsächlich gelingt, das Orchester in seine Ruhe einzubeziehen. Wenn Beethoven in diesem Werk den Solisten so markant als Persönlichkeit sich äußern lässt, dann sei die Frage erlaubt: Wie legt Vogt diese Persönlichkeit wohl an? Warum durchgehend so pedalreich bis hin zur verschwommenen Wattigkeit, warum im Piano stets weichgezeichnet und im Forte dann von matter Härte gekennzeichnet? Wir können nicht entscheiden, ob hier der Pianist oder der Tonmeister die Hauptverantwortung trägt, aber das klangliche Konzept der Einspielung vermag den Rezensenten nicht zu überzeugen. Angesichts all der vorausgegangenen Gedankenarbeit – repräsentiert u. a. im Beiheft-Interview – ist das mehr als schade.

Michael Wersin, 17.03.2018



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