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The Buffering Cocoon

Now Vs. Now

Jazzland/Edel 1079045JZL
(60 Min., 5/2016 - 5/2017)

Als „Geschenk des Himmels“ bezeichnete Produzentenlegende Tony Visconti Jason Lindner bei der Arbeit an David Bowies letztem Album „Blackstar“. Recht hat er: Schließlich ist der 1973 in Brooklyn geborene Lindner einer der spannendsten Keyboarder der aktuellen Jazzszene. Alleine mit seinen Soundmanipulationen – hier die Veränderung einer Hüllkurve, da das Hinzuschalten eines Filters – vermag er in seinen Soli mehr auszudrücken als andere mit Millionen Tastenanschlägen. Und wenn sich so jemand mit einem Bassisten (dem aus Athen stammenden Panagiotis Andreou) und einem Schlagzeuger (dem US-Amerikaner Justin Tyson) unter dem Namen Now Vs. Now zusammen tut, kommt dabei etwas heraus, das nicht weiter von den gängigen Parametern des Piano-Trios entfernt sein könnte.
„The Buffering Cocoon“, auf dem Lindner neben einem Klavier ein durch diverse Effektgeräte und Synthesizer gejagtes Wurlitzer-E-Piano spielt, ist vielmehr ein wilder Zeitreisenjam, der von den 1980ern mit ihren bizarren Synthklängen, den 1990ern mit ihrer Techno-Faszination immer wieder in eine nahe Zukunft springt, in der sich das Menschliche untrennbar mit dem Maschinellen verbunden hat. Ein Stück wie „Silkworm“ mutet an wie Herbie Hancocks Headhunters unter dem Einfluss synthetischer Designerdrogen, „Glimmer“ klingt wie ein Zwitter der Clicks and Cuts von Jan Jelinek und Bill Laswells wobbeligen Bässen, „Dichotomy“ wirkt wie ein nervöser Gruß von Flying Lotus, während das zutiefst beunruhigende „400 PPM“ die Industrial-Brachialität von Bowie-Freund Trent Reznor mit Nervenzusammenbrüchen von Siri kombiniert.
Und dennoch ist da überall genug Witz (wie etwa in den „Buffering“-Zwischenspielen) und eine kauzige melodische Wärme, um dem Hörer die Angst vor einer erbarmungslosen Zukunft zu nehmen: Lindners Soundexperimenten nach zu urteilen ist sie nämlich genauso bekloppt wie die Gegenwart.

Josef Engels, 22.09.2018



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