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Georg Friedrich Händel

Italian Cantatas

Sabine Devieilhe, Lea Desandre, Le Concert d`Astrée, Emanuelle Haїm

Erato/Warner 9029563362
(95 Min., 4/2018) 2 CDs

Georg Friedrich Händels erster Italienaufenthalt am Beginn seiner Karriere war begleitet von einem wahren Schaffensrausch auf höchstem Niveau: Zumeist für hochprominente Kardinäle, die seinem Können oder auch ihm selbst mehr oder weniger verfallen waren, komponierte er gewaltige Mengen hochorigineller Musik, die er dann in den Salons der Herren zum Besten gab. Darunter sind zahlreiche weltliche italienische Kantaten, die vor blendenden musikalischen Einfällen nur so sprühen. Manches aus diesen Werken findet sich auch in den späteren englischen Werken in Gestalt von Parodien wieder.
Was Händel als Ensembleleiter und Continuospieler in den späten 1710er-Jahren in römischen Stadtpalästen effektvoll zelebrierte, regt auch die Cembalistin und Ensembleleiterin Emanuelle Haїm zu interpretatorischen Meisterleistungen an – vor allem, weil sie mit Sabine Devieilhe und Lea Desandre über zwei Nachwuchstalente verfügt, deren stimmliche Flexibilität und Energie keine Grenzen kennen. Man fühlt sich stark erinnert an die fabelhafte Einspielung von „Aci, Galatea e Polifemo“, ebenfalls aus Händels italienischen Jahren, in der Haїm seinerzeit Sandrine Piau und Sara Mingardo zu Höchstleistungen anstachelte.
Im vorliegenden Doppelalbum indes geht Haїm noch ein Stück weiter: Sabine Devieilhe, die erst jüngst in einem französischen Opernrezital ihre phänomenale Höhe präsentierte, darf auch hier in variierten Arien-Dacapi unverschämt hohe Töne in den Raum schleudern. Eine Arie im Dreier-Takt wird kurz vor Schluss unversehens für kurze Zeit zum veritablen Walzer, und mit dem ersten Rezitativ rauscht Devieilhe in „Aminta e Fillide“ furios schon in den Schluss der „Introduzione“ hinein. Der schnelle Teil eben dieser „Introduzione“ gerät unter dem hier gewählten Tempo indes beinahe zum Zirkuskunststückchen – das sind die wenigen Momente dieser Produktion, wo sich der eine oder andere Hörer fragen mag, ob das nicht ein bisschen zu viel Show ist. Aber: Genau darum wird es wohl seinerzeit in Rom auch gegangen sein, und so ist man geneigt, in solchen Momenten ein Auge zuzudrücken. Ebenso wie beim eigentlich kenntnisreichen Beihefttext, dessen deutsche Version am Ende durch einen unnötigen Übersetzungsfehler den falschen Eindruck erweckt, Frauen hätten seinerzeit auch geistliche Musik gesungen. Dabei ist es nicht einmal sicher, ob sie in den Kardinalspalästen zu den Interpretinnen der hier vorgestellten Kantaten zählten, oder die Frauen-Figuren der Libretti auf der Bühne eher von Kastraten verkörpert wurden.

Michael Wersin, 01.12.2018



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