Bereits Anfang des Jahres war der Countertenor Franco Fagioli als Händel-Sänger zu bestaunen. Auf einem Album, für das er ein Bündel schönster und selten zu hörender Arien zusammengestellt hatte. Darunter fand sich auch „Crude furie degl’orridi abissi“ aus Georg Friedrich Händels ziemlich aus dem Ruder laufender Beziehungskistenoper „Serse“. Mit dieser Bravour-Arie geht es nun in der Gesamteinspielung des Dreiakters auf die Zielgerade. Und Fagioli lässt in der Rolle des Perserkönigs Serse im Vergleich zum Händel-Recital jetzt die Halsschlagader vor Wut noch heftiger und damit spektakulärer pochen. Und seine stimmlichen Ausflüge, angefangen vom Koloraturenwahnsinn bis hinauf in die glockenrein gemeisterten Höhen, haben schon etwas Urgewaltiges. Zumal das Alte-Musik-Ensemble Il Pomo d’Oro auch hier, mit seiner mächtig Pulverdampf verbreitenden Gangart einmal mehr seinem Ruf als das aktuell vielleicht aufregendste Barockteam alle Ehre macht.
Überhaupt ist dieser „Serse“ ein einziger Superlativ, was die Bandbreite der Arienkunst sowie ihrer Interpreten angeht. Der erste große Auftritt gebührt zwar wieder Franco Fagioli, der mit dem Ohrwurm „Ombra mai fù“ einen Baum ansingt! Doch danach geht es eben Schlag auf Schlag. Mit den ersten Auftritten von Mezzopranistin Vivica Genaux (als Serses Bruder Arsamene) und Sopranistin Inga Kalna (als dessen Verlobte Romilda), die beide die Liebe und die Sehnsucht bewunderungswürdig vollendet in ihrer Stimme tragen. Aber auch der Bass Andrea Mastroni macht als obligatorischer Feldherr auf diesen nun amourösen Kriegsschauplätzen ganz schön was her. Weshalb es ebenfalls hier ziemlich egal ist, ob einem bei diesem Bäumchen-Wechsel-Dich-Libretto ab einem gewissen Punkt der Kopf orientierungslos schwirrt. Manchmal muss Oper einfach nur ins Ohr und Herz gehen. Und genau dies tut dieser „Serse“.

Guido Fischer, 08.12.2018



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