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Robert Schumann, Edvard Grieg, Jean Sibelius, Alban Berg

Deep In A Dream

Raoul Steffani, Gerold Huber

Challenge Classics/in-akustik 05712502
(61 Min., 3/2018)

In der Gattung Lied führen im Idealfall zwei künstlerische Schaffensvorgänge zu einer neuen Einheit: Zuerst gibt es ein Gedicht, das von seinem Verfasser in der verbalen Erscheinungsform bereits als abgeschlossenes Werk betrachtet wurde, und dann folgt eine Musikalisierung dieses poetischen Elaborates, die eine neue künstlerische Dimension mit sich bringt und, wenn alles gut geht, die Wirkung des Gedichts erweitert, verstärkt und vertieft. Bekanntermaßen standen manche großen Dichter, z. B. Johann Wolfgang von Goethe, einer allzu kreativen Vertonung ihrer Gedichte skeptisch gegenüber. Für den Sänger freilich ist das Zusammentreffen von bereits vollkommenem Wort und daraus hervorgegangenem Ton gleichzeitig Chance und Herausforderung: Beiden Sphären muss in der Interpretation Gerechtigkeit widerfahren, es soll sowohl anrührend gesungen wie auch sinnerfüllt gesprochen werden. Soweit die Theorie – die Erfüllung dieses Desiderats allerdings hat im Laufe der per Schallplattengeschichte nachzuvollziehenden Jahrzehnte zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Man vergleiche nur die Lied-Koryphäen Fischer-Dieskau, Wunderlich, Prey und Schwarzkopf.
Auch im Liedgesang des 1992 geborenen Niederländers Raoul Steffani wird ein besonderes Bemühen um die Sprache deutlich erkennbar, allerdings mit einer Gewichtung, die sehr ungewöhnlich ist: Steffani besitzt eine sehr ansprechende Baritonstimme, die für sich genommen als Instrument durchaus überzeugen könnte. Die Art und Weise allerdings, wie er auf Basis dieses Materials Gesang und Sprache miteinander verbindet, irritiert immer wieder: So intensiv gräbt er sich Silbe für Silbe in die Worte, so explizit bildet er die Vokale und zelebriert vor allem die stimmhaften Konsonanten, dass gelegentlich der Eindruck eines beinahe buchstabierenden Deklamierens entsteht. Würde Steffani die Texte so sprechen, wie er sie singt, dann würde etwa der ebenso zarten wie doppelbödigen Poesie von Heinrich Heine, die den Liedern op. 24 von Schumann zugrunde liegt, jeglicher poetische Reiz abhandenkommen, denn es fehlten die Zwischentöne, die Ausdrucksnuancen, die feinen Schattierungen. Diese wären beim Singen der Schumannschen Vertonung ja auf musikalischer Ebene wieder zurückzugewinnen, aber Steffani deklamiert selbst den Zauber des Melos immer wieder weg. Spätestens in „Schöne Wiege meiner Leiden“, so hofft der Hörer, müsste sich diesbezüglich etwas ereignen, müssten die wunderschönen Melodiebögen warme lyrische Schauer ins Ohr des Hörers gießen. Aber ein solcher Effekt ist allenfalls in Ansätzen zu erleben, weil der Sänger die Silben der Worte oftmals beinahe kaut, statt sie in den Fluss der Melodien einzubetten. Seine schöne Stimme klingt dadurch auch immer wieder flacher, als sie müsste und sollte. Eine intensive Revision der Wort-Ton-Gewichtung im Vortrag wäre angesagt, damit nicht aus Eigenschaften, die eigentlich Tugenden sein könnten, am Ende eine Not entsteht.

Michael Wersin, 15.12.2018



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