Es begann mit einem Reinfall. "Die Juden", mutmaßte Händels Librettist Thomas Morell 1750 schon vor der Uraufführung von Händels vorletztem Oratorium am Londoner Covent Garden Theatre, " - die Juden werden es sich nicht ansehen, denn es ist eine Geschichte über Christen. Und die Damen werden nicht kommen, da es eine tugendhafte Geschichte ist." Morells Befürchtungen bewahrheiteten sich. Doch blieben offenbar auch die Männer weg, die sich ansonsten ja für tugendhafte Geschichten in christlichem Milieu begeistern. ("Macht nichts", soll Händel gesagt haben, "die Musik wird umso besser klingen.")
Paul McCreesh hat mit seinem Gabrieli-Consort das Oratorium um die Christin Theodora, die ihrem Glauben bis zum Tode treu bleibt, in einem (fast) leeren Studio eingespielt - und zwar in ihrer wahrscheinlichen Urfassung, im Anhang ergänzt um spätere Umarbeitungen und alternative Versionen. Ich, als weibliche Rezensentin, erlaube mir, ganz analog zu Morells zeitverhaftetem Klischee die Handlung selbst ziemlich öde zu finden: eine empfindsam ausgekleidete Geschichte um eine Frau, der ob ihrer starren Glaubenskraft so ziemlich alles abgeht, was sie interessant, beweglich, menschlich und anziehend machen könnte.
Aber die Musik! Allein dass Händel dieser Theodora emotionale Fassetten abgewinnen und diese dann noch in wirklich ergreifende Töne fassen konnte, könnte einen zum Händel-Fan werden lassen. Auch wie er die Charaktere um die Heldin herum fasst - den Römer Didymus vor allem, der Christus und Theodora gleichermaßen liebt -, gewinnt er der grundsätzlich recht einfachen und eindimensionalen Story packende dramatische Details ab. Da sich das Gabrieli-Consort auf der Höhe der, wie sagt man so schön, "historisch informierten" Aufführungspraxis befindet, hilft Paul McCreesh diesen Zügen der Musik kräftig auf die Sprünge. Und Susan Gritton hält die Theodora auf so ergreifende Weise in der Schwebe zwischen Kontrolle und Gefühl, dass man sie, wenn man den Text nicht mitliest, glatt für die leidende Freundin von nebenan halten könnte. Mit-Leiden kann etwas Wundervolles sein.

Susanne Benda, 27.07.2000



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