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Circuits

Chris Potter

Edition Records/H'art/Membran EDN 1123
(61 Min., 9/2017)

Für Chris Potter, den die Leser des Magazins „Down Beat“ 2014 zum besten Tenorsaxofonisten der Welt wählten, schließt sich mit „Circuits“ der (Schalt-)Kreis. Denn mit seiner Debüt-Aufnahme für das britische Label Edition Records besinnt sich der 48-Jährige auf seine strombetriebene Projektkonstellation „Underground“ aus den Nullerjahren zurück.
Zumindest auf den ersten Blick. In Wirklichkeit ist die Rückkehr zur elektrisch verstärkten und mit Rock- und Funkgrooves arbeitenden Jazz-Auslegung für Potter ein Neuanfang. Denn in den vergangenen zehn Jahren nach der letzten „Underground“-CD hat sich vieles verändert. Die Stolperbeats des von J Dilla inspirierten HipHop sind inzwischen eine Selbstverständlichkeit für zeitgenössische Jazzdrummer geworden, vorsintflutliche Synthesizer-Sounds sind nicht mehr verpönt, und Saxofonisten wissen, wie man mit Effektgeräten umgeht.
All das beherzigt Potter auf „Circuits“. Mit Eric Harland hat er einen Drummer, der auch bei harten Funkangelegenheiten leichtherzig swingt und Rutschpartien auf hiphoppig seifigem Geläuf zu gestalten weiß. Mit dem 1995 geborenen James Francies gehört ein aufgehender Stern der Keyboard- und Soundmanipulationsszene zur Besetzung. Und bei seinem Saxofonklang hilft der Bandleader bisweilen mit elektronischen Modifikationen nach.
Aber der wahre Spezialeffekt des Albums ist ganz analog: Es sind die von Potter eingespielten Sax-, Klarinetten- und Flöten-Bläsersätze, die mal nach Gil Evans wie im Eröffnungsstück „Invocation“ klingen, mal eine Bissigkeit im Stile der Brecker Brothers transportieren. Ohnehin reichert der sich bei seinen Soli die Seele aus dem Leib extemporierende Multiinstrumentalist (Gitarren, Sampler, Keyboards und Percussion bedient Potter ebenfalls) die Aufnahme mit allerhand ungewöhnlichen Zutaten an.
Orientalisches („The Nerve“) hat hier neben mitreißendem Fusion-Bop genauso Platz wie postmoderner Reggae („Green Pastures“), ein Fundstück aus dem Benin der 1970er Jahre („Koutomé“, mit einem die Grenzen des Basses austestenden Linley Marthe) oder streng Durchkomponiertes („Queens Of Brooklyn“).
So gesehen schließt Chris Potter mit „Circuits“ keine Kreise, sondern eröffnet neue. Und dabei gelingt ihm das Kunststück, hip und gleichzeitig ganz bei sich zu sein.

Josef Engels, 09.03.2019



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