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Guardians Of The Heart Machine

Seamus Blake

Whirlwind/375 Media 05172412
(57 Min., 11/2017)

Es war wie beim Kochen. Man nehme den kanadischen Tenorsaxofonisten Seamus Blake, lautete das Rezept des französischen Produzenten Olivier Saez, und schicke ihn mit einer nach seiner Ansicht passenden Rhythmusgruppe auf Tournee durch Frankreich und Spanien. Er hat so gut gewählt, dass Blake nach der Tournee noch mit dem Pianisten Tony Tixier, dem Kontrabassisten Florent Nisse und dem Schlagzeuger Gautier Garrigue ins Studio ging und neun Herz und Hirn anregende Titel einspielte.
Das Ergebnis fällt aus dem Rahmen, denn die drei gebärden sich weder als innovative Jazzerneuerer noch brillieren sie mit scharfen Tempi, überraschenden Wendungen oder sonstigen Kunststücken. Sie machen, was viele vergessen haben: Sie bewegen sich mit sanftem Swing, sie improvisieren fantasievoll und fühlen sich im Mainstream des Jazz pudelwohl.
Geradlinig und schnörkellos bläst Blake sein Tenorsaxofon, und wenn er Melodien verziert oder zu agilen Läufen anhebt, setzt er damit einen bewussten Akzent. Auch sein Ton wirkt zunächst schmucklos, bis man beginnt, genauer hinzuhören: Dann entdeckt man die unauffälligen klanglichen Nuancen, die Veränderungen in der Charakteristik und empfindet ihn – je nach Situation – als bissig, beflissen oder auch als sanft und zart.
Tixier, Nisse und Garrigue greifen in diesem auf den Solisten und Bandleader konzentrierten Konzept nur aus dem Hintergrund ein. Sie schaffen ein bewegliches Fundament, sie öffnen Blake die für seine Soli erforderlichen Räume, sie gestalten ihre Wände, sie lassen Türen und Fenster für die Kommunikation untereinander und das Betrachten durch die Hörer. Das war über Jahrzehnte die Aufgabe einer Rhythmusgruppe, bevor diese Aufgabenteilung zugunsten ihrer Emanzipation aus der Mode kam.
Sieben der neun Stücke schrieb Seamus Blake eigens für dieses Quartett; hinzukommen „I’m Okay“ von Eddie del Barrio und „Blues For The Real Human Beings“ von Tony Tixier. In „The Blasted Heath“ singt Blake sogar mit dünner Stimme – wohlweislich wurde diese schwächste Nummer ans Ende der Disc gesetzt. Ansonsten schimmert mal – wie in „Betty In Rio“ – eine Samba durch. Oder sie kokettieren sie – wie in „Sneaky D“ mit den Rhythmen des Hip-Hop. Insgesamt spielen sie wesentlich vielfältiger und raffinierter, als es der erste Eindruck vermuten lässt. Wie eingangs angedeutet: Es muss nicht alles innovativ und spektakulär daherkommen. Seamus Blake und seine französischen Partner überzeugen mit gutem, durchdachtem, von Herz und Hirn geprägtem Jazz.

Werner Stiefele, 30.03.2019



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