Die junge Niederländerin Lucie Horsch ist wirklich eine famose Blockflötistin: Sie verfügt einerseits über diejenige Virtuosität und spritzige Leichtigkeit, die notwendig ist, um es mit den Blockflöten-Stars der Gegenwart aufzunehmen. Sie hat aber andererseits nicht vergessen, dass die Blockflöte nicht nur Kaskaden von Tönen in rasender Geschwindigkeit produzieren kann, sondern auch Legato-fähig ist, dass sie warm und abgerundet im Timbre sein kann. Dadurch setzt Horsch sich wohltuend ab von jener populären Art des Blockflötenspiels, bei der scheinbar mehr ins Instrument hineingespuckt als wirklich Klang erzeugt wird. Das ist überaus wohltuend, denn man darf nicht vergessen, dass die Blocklöte allein schon dadurch, dass sie per se eine Oktave höher spielt als andere Melodieinstrumente, durchaus ein Nervensäge-Potential hat, mit dem bei weitem nicht alle Hörer zurechtkommen.
Wie gesagt: Davor muss man sich bei Lucie Horsch nicht fürchten, sie versteht es vorzüglich, die lyrischen Qualitäten ihrer Instrumente ausgiebig zu nutzen. Sie hat sich dafür ein Programm zusammengestellt, das, gerahmt von Jacob van Eycks spektakulären Solo-Nummern, deutsche, englische, französische und italienische Barockmusik enthält. Weil die Blockflöte allerdings historisch gesehen besonders stark in der Ensemble-Musik zum Einsatz gekommen ist, findet sich im Originalrepertoire nicht gerade massenhaft Sololiteratur derjenigen Art, wie sie in einem Rezital wie dem vorliegenden sonst gern zum Einsatz gebracht wird. Dass man in diesem Fall zum Mittel der „Bearbeitung“ greift (sofern dies überhaupt nötig ist – in vielen Fällen genügt es ja auch, eine für ein anderes Instrument vorgesehene Solopartie einfach zu spielen), ist keine Schande, denn im Barockzeitalter selbst war es ja nicht unüblich, Literatur entsprechend zu „adaptieren“. Unverständlich ist es daher, warum der etwas kindische Beihefttext schamhaft verschweigt, dass es sich beim präsentierten Repertoire fast ausschließlich um solche Adaptionen handelt: Bachs d-Moll-Concerto BWV 1059R, seine „Badinerie“ aus der h-Moll-Orchestersuite, Couperins „Rossignol en amour“, Naudots herrliches C-Dur-Concerto op. 17/I, Händels „Arrival Of The Queen Of Sheba“: Nichts von alldem ist original für Blockflöte komponiert. Wie gesagt: Abgesehen vielleicht von Bachs „Erbarme dich“-Arie und dem Lamento der Dido von Purcell ist das weitgehend überhaupt kein Problem. Aber man hätte es sauber kommunizieren sollen.

Michael Wersin, 08.06.2019



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