Mozarts 1791 komponierte Opera seria "La Clemenza di Tito" erlebt zurzeit einen wahren Boom. In Frankfurt hat sie erst unlängst Christof Loy und in Köln Christof Nel inszeniert. Und nach der gerade veröffentlichten Einspielung von Charles Mackerras steht schon ein Live-Mitschnitt aus der Münchner Philharmonie in den Startlöchern - mit Vesselina Kasarova natürlich als "Sesto". So passt es nur allzu gut in den Tito-Hype, dass nun eine Inszenierung von Ursel und Karl-Ernst Herrmann auf DVD erscheint, die sich seit ihrer Premiere 1982 in Brüssel auf vielen Opernbühnen zeigen konnte. Bei ihrer allerersten Opernarbeit setzten die Herrmanns nicht aufs Ganze, sondern schnitten den riesigen, weißen Bühnenraum ganz auf das Sänger-Ensemble zu. Tragfähig ist dieses Konzept aber nur dann, wenn man mindestens eine Susan Graham im Team hat. So wie bei der Aufführung in der Pariser Oper, bei der Graham als "Sesto" weniger von der schauspielerischen als von der stimmlichen Seite her all die Zerrissenheit durchlebte, ohne den hochdramatischen Aplomb zu überanspruchen. Schade nur, dass die Mikrofone dabei ganz auf die Bühne ausgerichtet waren und die Klarinettenstimme nicht nur in der "Sesto"-Arie "Parto, ma tu ben mio" zum dekorativen Beiwerk geriet.
Überhaupt ist Graham der einzige strahlende Lichtblick in diesem Mitschnitt. Sylvain Cambrelings Dirigat ist selbstverständlich untadelig, straff wie geschmeidig. Aber allein Christoph Prégardien als "Tito" hat in jenen Aufführungswochen mehr als nur einen schlechten Tag gehabt: abgesehen von ungleichmäßigen Vibrati ist seine Stimme (wohlwollend umschrieben) überschlank, unverblümt: fast asthmatisch. Und Ekaterina Siurina als Servilia sorgt mühevoll und grobkörnig dafür, dass nicht nur das Herz zerreißende Duett "Ah perdona al primo affetto" seine vollkommene, duftende Leichtigkeit einbüßt. Wenig Lust empfindet man daher, sich danach noch ein knapp sechzigminütiges Bonus-Feature mit Interviews mit allen Beteiligten anzutun.

Guido Fischer, 30.06.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top