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Carl Philipp Emanuel Bach

Gellert Oden

Dorothee Mields, Ludger Rémy

cpo/jpc 777061-2
(91 Min., 04/2003) 1 CD

Eigentlich gibt es bei "Herrn Professor Gellerts geistlichen Oden und Liedern" nichts zu beschönigen: Es handelt sich um vergessene Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts und auch der bescheidene originale Zusatz "mit Melodien von Carl Philipp Emanuel Bach" ist nicht ganz so untertrieben, wie man denken könnte. Wer "CPE Bach" (wie er nämlich auf dem Cover heißt) als exzentrisches, vorrevolutionäres Original-Genie schätzt, der wird diese Sammlung weit von sich schieben.
Aber genau das wäre ein riesengroßen Fehler. Denn wie soll man die Künstlerpersönlichkeit Bachs verstehen, wenn man nicht auch ein Gefühl für die Begeisterung entwickelt, die gerade diese wichtige Sammlung bei den Zeitgenossen auslöste? Und warum sollte man dafür nicht auch die Gedichte Gellerts - eines Mannes, den sogar der scharfzüngige Lessing liebevoll "das Vergnügen Deutschlands" nannte - mit echter Sympathie zu lesen versuchen? Wir bräuchten dafür nur jemanden, der uns hilft, dieses Vergnügen zu empfinden. Und genau das tun Ludger Rémy und Dorothee Mields. Was auf dem Papier eben noch spröde und moralisierend wirkte, beginnt unter Rémys leisen Händen und Mields glasharfenklarer Stimme plötzlich sanft zu leben. Äußerlich ist ihr Vortrag von großer Schlichtheit und Ruhe geprägt - und verrät doch, ganz wie Bachs Komposition, in jedem Detail die angespannte Empfindsamkeit: Wir beginnen, die konzentrierte Kraft eines Geburtstagslieds in Moll ebenso wahrzunehmen wie wir plötzlich die aufklärerische Schönheit eines Weihnachtslieds verstehen, welches das Herz ohne Weihrauch und Krippengerümpel auf möglichst direktem Wege über den Verstand zu erreichen sucht. Leicht und eben doch zur Substanz gehörend wie Rocaillen an norddeutschen Bürgerhäusern wirken dazu Mields Verzierungen. Rémy wiederum kann bis zu dem Lied "In Krankheit" auf der zweiten CD warten, bevor er den von Bach erlaubten Sondereffekt des Spiels mit aufgehobenem Dämpfer einsetzt. Mehr braucht es jetzt nämlich nicht, um dem sensibilisierten Hörer heilige Schauer über den Rücken zu jagen.

Carsten Niemann, 01.12.1999



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