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Dancing Wittgenstein

Jazzrausch Bigband

ACT/Edel 1090472ACT
(49 Min.)

Man wartet die ganze Zeit darauf. Und am Ende des Album-Einstiegs ist es dann so weit: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, rezitiert die Sängerin und Diseuse Patricia Römer auf Englisch Ludwig Wittgensteins Satz aus der Top-Ten der sprachphilosophischen Weisheiten.
Wie gut, dass das für die Münchner Jazzrausch Bigband nicht gilt. Denn man kann sehr wohl über ihre Musik auf „Dancing Wittgenstein“ reden. Schließlich kennt man das alles schon sehr gut. Aus den 1990er Jahren, als sich unzählige Bands und Projekte aufmachten, den Jazz mit der Clubszene zu versöhnen. Ob NoJazz, re:jazz oder Jaga Jazzist – schon damals war es Mode, das Genre im Namen zu tragen.
Was ist nun neu bei der süddeutschen Großformation außer der Tatsache, dass sie wahrscheinlich die einzige Bigband weltweit ist, die als „Artist in Residence“ regelmäßig in einem Techno-Club auftritt? Es ist vielleicht die gnadenlose Konsequenz, mit der die 40 Musikerinnen und Musiker die Baupläne und Erregungsformeln des Techno aufs Bigband-Format übertragen.
In den Kompositionen des Gitarristen Leonhard Kuhn, der nicht zufällig auch diplomierter Mathematiker ist, emulieren die Bläser mit ihren präzise gesetzten Staccati Synth-Fanfaren. Und auch das typisch Maschinelle des allmählich aufwallenden 16tel-Geprassels aus seligen Rave-Tagen fehlt nicht.
Stilistisch gibt sich das von dem Posaunisten Roman Sladek gegründete Ensemble, das parallel zu „Dancing Wittgenstein“ auch eine Weihnachts-CD mit klassischem Bigband-Jazz herausbringt, weniger orthodox. Die stets mit Gesang oder Rezitationen arbeitenden Nummern bedienen sich bei französischer Disco-Musik à la Daft Punk („La système planétaire“), James Brown und Maceo Parker („I Want To Be A Banana“) oder Düster-Pop aus den 1980er Jahren („Continuous Dirichlet“).
Allerdings sei nicht verschwiegen, dass die repetitiven rhythmischen Muster auf Dauer doch einigermaßen ermüdend wirken. Wahrscheinlich muss man die unentwegt tourende Bigband live erleben, damit sich der versprochene Rausch einstellt. Da wir noch auf keinem Konzert der Münchner waren, halten wir es aber mit Wittgenstein: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Josef Engels, 16.11.2019



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