Paganini war der Erste nicht. Schon im Barock gab es eine übersprudelnde Tradition hypervirtuoser Geigenliteratur – wovon Vivaldi nur die Spitze des italienischen Eisbergs bildet. Dieser Spur folgend, landet der russische Geiger Dmitry Sinkovsky mit seiner fünften Solo-CD seines aktuellen Labels in den tschilpenden, piepsenden und tirilierenden Baumkronen eines geigerischen Nachtigallenrepertoires.
Die Werke, darunter das 1. Konzert aus Locatellis „L’arte del violino“ op. 3, Leclairs op. 7 Nr. 2 D-Dur sowie eines der neun B-Dur-Violinkonzerte von Tartini sind alle nicht sonderlich oft oder prominent eingespielt worden. Von Pisendels g-Moll-Konzert ist überhaupt keine weitere Aufnahme zu finden. So entlegen die italienischen, französischen und deutschen Flure auch erscheinen mögen, in die man uns hier entführt, so abwechslungsreich sind die ornithologischen Eindrücke. Dies ist keineswegs mit der von Vivaldi bekannten Teufelszungen-Virtuosität zu verwechseln. Hier geht es variantenreicher, oft beschaulicher und im besten Sinne polyglotter zu als gedacht.
Sinkovsky, geboren 1980, verfolgt nicht umsonst zwei sehr unterschiedliche Professionen. Er ist Geiger und Countertenor zugleich (von Tätigkeiten als Dirigent und Ensemblegründer zu schweigen). Kaum ein Instrumentalist versteht es wie er, mit dem Instrument zu sprechen bzw. zu singen, als handele es sich um menschliche Stimmen bzw. um Konzerte für Sopran (oder Mezzo-Sopran) und Orchester. Das geht so weit, dass man die Sprachen zu erkennen glaubt, in welchen der Komponist dachte und schrieb. Dem Titel „Virtuosissimo“ wird Sinkovsky staunenswert gerecht – trotz unverkennbar historischem Geigen-Aplomb. Herb und superb.

Robert Fraunholzer, 16.11.2019



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