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Johann Sebastian Bach

Praise (Kantaten BWV 26, 41, 95, 115, 137, 140)

Dorothee Mields, Georg Poplutz, Tobias Berndt, Benedikt Kristjánsson, Chorus Musicus Köln, Das neue Orchester, Christoph Spering u. a.

dhm/Sony 19439709082
(117 Min., 2/2019 & 3/2019) 2 CDs

Unter dem eigenartigen Titel „Praise“ erscheint eine weitere Folge von Bach-Kantaten unter der Leitung von Christoph Spering. Musiziert vom Chorus Musicus Köln und dem Neuen Orchester unter einer renommierten Solisten-Riege: Klar, barocke lutherische Kirchenmusik ist immer irgendwie Lob- und Dankopfer, aber die hier versammelten sechs Gottesdienstmusiken sind wahrlich nicht allesamt reine Lobpreis-Musiken. Da ist zum Beispiel die Choralkantate BWV 26 „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“, die die Vergänglichkeit aller irdischen Güter thematisiert. Die gefürchtete koloraturenreiche Tenorarie „So schnell ein rauschend Wasser schießt“ meistert Benedikt Kristjánsson in atemberaubendem Tempo schlichtweg makellos, und es gibt eine besonders lange Non-stop-Kantilene im A-Teil, bei der auch beim zweiten Hören in der Reprise nicht auszumachen ist, wo um Himmels Willen der Sänger überhaupt atmet. Famos gelingt auch die Bassarie „An irdische Schätze das Herze zu hängen“, in deren A-Teil Daniel Ochoa mit seiner imposanten Bassstimme respekteinflößend zu drohen versteht, während im B-Teil von der Bassgruppe des Orchesters einiges an Tumult produziert wird („… bis alles zerschmettert in Trümmern zerfällt“). Überhaupt liebt Spering den kraftvoll-dramatischen Zugriff auf die Musik: Beim Eingangschor derselben Kantate wird nicht so ganz klar, warum hier mit so viel grimmiger Vehemenz gesungen und gespielt werden muss: Wäre die thematisierte Vergänglichkeit nicht eher mit Flüchtigkeit auch der sie repräsentierenden Musik trefflich versinnbildlicht?
Insgesamt wird von Continuo-Seite her eine Menge Energie ins Geschehen geschickt, denn Spering verwendet häufig ein kräftiger registriertes (und damit das historische Brustwerk der Thomaskirchenorgel repräsentierende) Positiv und ein Cembalo miteinander. Aber in einem so lieblichen Duett wie „Mein Freund ist mein“ (BWV 140) fragt man sich, ob das klanglich sehr perkussive Cembalo, das gelegentlich fast an eine „Rhythmusgruppe“ erinnert, hier überhaupt sein muss und ob nicht wenigstens der Orgelpart etwas obligater und damit filigraner und vor allem interessanter improvisiert werden könnte. In den Rezitativen wendet sich Spering seiner eigenen Aussage nach gegen den nach-harnoncourtschen Dogmatismus, alle Akkorde kurz nach dem Anschlagen wegzunehmen, entscheidet sich aber stattdessen für ein jeweils für eine ganze Kantate gültiges Entweder-Oder (Akkorde durchalten oder wegnehmen), weil er die differenzierte Vorgehensweise (mal halten, mal wegnehmen) für ein neumodisches „Kabinettstückchen“ hält. Vielleicht wird mit dieser Beurteilung die mutmaßliche Kreativität und Improvisationsfreudigkeit von Bach und seinem Team doch etwas unterschätzt.
So begegnet der Hörerschaft in diesem Doppelalbum viel Mitreißendes und musikalisch-rhetorisches Überzeugendes – ein Faszinosum ist wie immer Dorothee Mieldsʼ herrlicher Gesang –, aber auch manches Merk- oder gar Fragwürdige. Aber so ist es nun einmal: Wer sich klar positioniert und Entscheidungen trifft, zieht auch Kritik auf sich.

Michael Wersin, 15.02.2020



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