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From This Place

Pat Metheny

Nonesuch/Warner 7559792437
(77 Min., k. A.)

In den frühen Morgenstunden des 9. November 2016 setzte sich der fassungslose Pat Metheny hin und komponierte den Titelsong seines neuen Albums. Es war der Tag nach Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten.
Man muss das aber gar nicht wissen. Auch so wird klar, dass es sich bei „From This Place“ um die möglicherweise politischste Einspielung in der langen Karriere des Gitarristen handelt. Davon kündet der bedrohliche Tornado auf dem Cover, davon sprechen Stücktitel wie „America Undefined“. Und nicht zuletzt macht es die Musik deutlich – denn die erweist sich als opulente großorchestrale Feier der USA, die Pat Metheny mit einiger Herzenswärme auf akustischer und elektrischer Gitarre besingt.
Die zehn Stücke auf „From This Place“ sind durchsetzt mit Verweisen auf Land und Leute: „Wide and Far“ etwa trägt ein wiederkehrendes Handclap-Motiv in sich wie aus dem Square Dance, im elegischen 13-minütigen „America Undefined“ sind mittenmang Vogelzwitschern, Kirchenglocken und ein durchfahrender Zug zu hören – ganz so, als befände man sich in einem bäuerlichen Weiler irgendwo im Mittleren Westen.
„The Past In Us“ wiederum evoziert mit Grégoire Marets Mundharmonika und Metheneys Akustischer klanglich eine gewisse Cowboy-Stimmung (wenngleich es auch stilistisch Richtung Bossa-Brasilien geht), während „Everything Explained“ mit emulierten Kastagnetten und einem an Chick Corea erinnernden Klaviersolo von Gwilym Simcock die hispanischen Elemente der USA heraufbeschwört.
Am amerikanischsten an „From This Place“ ist freilich das Orchester, das sich im sonischen Rücken von Methenys Quartett um Simcock, Linda May Han Oh am Bass und Antonio Sanchez aufhält: Der 46-köpfige „Hollywood Studio Symphony“-Trupp gibt der Aufnahme den Glanz und die Zuversicht der Traumfabrik, ohne zu dick aufzutragen. Man fühlt sich weniger an nostalgische Liebesschnulzen erinnert, sondern eher an die Alben von CTI mit ihren schlanken Streichern unter süffiger Improvisationsmusik.
Ähnlich wie mit dem zarten, beinahe musicalhaften Titelsong, den Meshell Ndegeocello interpretiert, verhält es sich auch mit dem Rest von „From This Place“: Im Jahr der US-Präsidentschaftswahl ist das Album ein Statement gegen Hass und Zwietracht und ein Aufruf zu Harmonie und konstruktivem Handeln. Und wie stets bei Pat Metheny bleiben Komplexität und Vielschichtigkeit dennoch nicht auf der Strecke. Durch und durch positive Musik für beunruhigende Zeiten. Wird gerade dringend benötigt.

Josef Engels, 21.03.2020



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