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Motherhood

Klaus Doldinger’s Passport

Warner 9029527735
(51 Min., k. A.)

Ein Rückblick: 1969 zählte Klaus Doldingers Band „Motherhood“ zu den ersten Formationen, die Jazz und Rock zusammenbrachten. Es entsprach dem Zeitgeist, eine Alternative zu den einfachen Rocksongs der Hitparaden zu suchen und – so die Hoffnung – einer „anspruchsvollen“ Rockmusik den Weg zu ebnen. Wie dies im Original klang, lässt sich auf der Eröffnungsnummer des Albums „Motherhood“ erkennen: Den „Soul Tiger“, einst Opener des Albums „I Feel So Free“, prägen Hammondsounds, einfache Bass- und Schlagzeugfiguren, etwas Elektrogitarre und knappe, jubilierende und flirrende Saxofonfiguren von Doldinger und seinem Saxofonkollegen Olaf Kübler.
Worum ging es? „All I need is living to be free“ und „society has made your world a narrow cage“ erklärt Udo Lindenberg im folgenden „Devil Don’t Get Me“ – seine Stimme wurde aus dem damals wie die Band „Motherhood“ genannten Album aus dem Jahr 1970 isoliert und von Doldingers seit 1971 bestehender Band Passport neu eigespielt. Der Unterschied ist deutlich: Die Band agiert flexibler und verfügt über wesentlich mehr Möglichkeiten, den Sänger zu begleiten. Dabei dominiert damals wie heute ein harter Rockrhythmus das Geschehen und auch Klaus Doldinger hat sein Spiel weiterentwickelt.
Aus diesem von Lindenberg beschworenen engen Käfig der damaligen Welt entrissen Bands wie „Motherhood“ oder Wolfgang Dauners „Oimels“ den progressiven Teil der Jugend von damals. Als sei er ein 68er, trifft Max Mutzke in „Song Of Dying“ die Gefühlslage von damals perfekt. Auch sonst schafft es die heutige Passport, die von Sehnsüchten erfüllte Atmosphäre von damals in Neueinspielungen von Motherhood-Songs nachzuempfinden – „historisch informiert“ würde man dies im Klassik-Bereich nennen.
Gesungen wurde viel, und „nothing is lasting forever“ war keine Kalenderbanalität: Eine solche, damals und in der Neufassung von Klaus Doldinger selbst gesungene Zeile barg ebenso gesellschaftsverändernde Hoffnungen in sich wie der piepsende Sound der frühen Keyboards, der auch in der neuen Version von „Yesterday’s Song“ eingesetzt wird. Anderseits haben sich die Zeiten geändert: China Moses gestaltete die alte Bluesrocknummer „Men’s Quarrels“ zu einem Perspektivwechsel in „Women’s Quarrels“ um.
Die „Circus Polka“ und „Soul Town“ entstammen ebenfalls dem Motherhood-Repertoire, während „Locomotive“ erst 1979 für das Passport-Album „Ataraxia“ entstand – eine heitere, agile Nummer, die als Spiegel dessen dienen kann, wie sich Doldingers Musik in den zehn Jahren dazwischen entwickelt hat. Schön, dass Doldinger nicht nur als Ahnvater des Jazzrock die Brücke zwischen Jazz und Rock schlug, sondern nach 5000 Konzerten, rund 50 Alben und rund 2000 Kompositionen für Band, Film, Werbung und Firmen mit der eigenen Tradition und Gegenwart umzugehen weiß und immer noch klare, druckvolle Saxofonmelodien bläst. Das Finale schließlich, eine heitere Fassung des Spirituals „Wade In The Water“ mit dem Gast-Trompeter Joo Kraus, bringt den Passport-Sound von heute. Ein Ausblick.

Werner Stiefele, 09.05.2020



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