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Juan Esquivel

Missa Hortus conclusus

De Profundis, Eamonn Dougan

Hyperion/Note 1 CDA68326
(69 Min., 5/2019)

Die klassische Vokalpolyphonie der Renaissance-Zeit mit ihrer imitatorischen Satzstruktur, oft inspiriert oder großräumig durchzogen von gregorianischen Motiven und Cantus firmi, war in ihrer Zeit eine internationale Tonsprache. Ihre Komponisten und Interpreten waren zumeist erstaunlich reiseaktiv und trugen ihr Können von einem europäischen Brennpunkt zum nächsten, zum Stolz der weltlichen und geistlichen Herrscher, die sich mit den berühmten Namen schmücken konnten. Auf der spanischen Halbinsel erlebte die Vokalpolyphonie auch zu einer Zeit, als diese ehrwürdige Stilistik schon von der mit Macht aufkommenden neuartigen „seconda pratica“ Monteverdis aufgemischt wurde, noch eine späte Blüte: Im frühen 17. Jahrhundert entstanden einige wichtige Sammlungen, unter ihnen auch ein Druck mit Musik von Juan Esquivel (ca. 1560–vor 1630). Seiner recht selten zu hörenden Musik hat sich das Ensemble De Profundis unter Leitung von Eamonn Dougan für diese CD gewidmet. Im Zentrum steht Esquivels „Missa Hortus conclusus“, eine Parodiemesse über eine Motette von Rodrigo de Ceballos. Ungewöhnlich ist schon der Text der Parodievorlage: Zwar entstammt er dem bei Komponisten generell beliebten „Hohelied“, aber diese Verse des Hoheliedes spielen in der Liturgie keine zentrale Rolle, weshalb sie selten vertont wurden. Weitere motettische Kompositionen, darunter einige marianische Antiphonen, rahmen das Programm, hinzu kommt ein „Magnificat“ im fünften Ton, geschaffen für die seinerzeit übliche Alternatim-Praxis, also das Abwechseln von einstimmigen gregorianischen und individuell komponierten mehrstimmigen Versen. Dougan und seine Sänger – es handelt sich um eine rein männliche Besetzung mit Countertenören in den Diskantpartien – präsentieren Esquivels Musik routiniert und ambitioniert, recht intonationsrein und sinnvoll durchgestaltet. Was fehlt, sind echte klangliche Höhepunkte, i-Tüpfelchen der ästhetischen Reizfülle, die die Musik sicher zur Herausarbeitung anböte und die von führenden Ensembles wie den Tallis Scholars oder The Cardinall’s Music vermutlich effektiver genutzt werden würden. De Profundis bietet also ein gutes Niveau, aber keine Spitzenklasse.

Michael Wersin, 23.05.2020



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