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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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To The Earth

Dinosaur

Edition/Membran EDN1154
(41 Min., 10/2019)

Da sage noch einer, Dinosaurier könnten sich nicht weiterentwickeln! Zumindest das britische Quartett gleichen Namens tritt im zehnten Jahr seines Bestehens den Gegenbeweis an. Die Formation um die Trompeterin Laura Jurd hat für ihr drittes Album jedenfalls die meisten elektronischen Gerätschaften aus dem Studio verbannt und pflegt nun einen überraschend akustischen Sound.
Dieser weist vordergründig so starke Verbindungen zum etablierten Jazzkanon wie noch nie in der Geschichte der Band auf: Pianist Elliot Galvin klingt stellenweise wie Horace Silver (etwa im Titelstück „To the Earth“ oder im boogaloohaften „Banning Street Blues“), Conor Chaplin, der von E- zu Kontrabass gewechselt ist, zeigt mit seinen lakonisch-bedrohlichen Ostinati, dass er Charles Mingus kennt.
Und Jurd, die neben Trompete und Flügelhorn auf der Aufnahme auch das posaunenartige Tenorhorn spielt, lässt hier und da Growls und Dämpfungseffekte vernehmen, die auf die Ellington-Männer Bubber Miley und Cootie Williams deuten. Dieser Verweis auf die Frühzeit des Jazz zeigt sich besonders deutlich in der einzigen Fremdkomposition des Albums, Billy Strayhorns „Absinthe“. Die Dinosaur-Version schrammt haarscharf an der Parodie vorbei und landet irgendwo zwischen Kurt Weill und Tom Waits.
Es ist die große Kunst des Quartetts, dass sich das beständige Augenzwinkern seiner Mitglieder nie in eine Grimasse der Albernheit verwandelt. Jurd spielt ihre Soli und aufgekratzt-sprunghaften Themen mit gesanglicher Wärme und subtilem Witz so wie eine Kreuzung aus Lester Bowie und einer schwermütigen Folksängerin mit nahöstlichem Migrationshintergrund, während der gelegentlich zum Synth als Geschmacksverstärker für Bassläufe und Melodien greifende Galvin sowie Drummer Corrie Dick eine Liebe zum Slapstick offenbaren.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück „Mosking“, in dem der Pianist Akkorde wie Wasserbomben von der Tastatur herunterwirft und der Schlagzeuger sein Solo so klingen lässt wie irgendetwas, das aus Versehen in eine Waschmaschine beim Schleudern geraten ist. Dabei handelt es sich jedoch nie um billige Witzchen, sondern um musikalische Notwendigkeiten.
Die größte Ironie des Albums liegt freilich woanders: Nämlich in dem Umstand, dass sich das famose Quartett ein Stück weit neu erfindet, indem es sich zum guten alten Jazz bekennt. Dem sagt man schließlich schon lange voraus, dass er bald aussterben werde.

Josef Engels, 04.07.2020



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