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Lörrach, Paris 1966

Albert Ayler

Hat/Helikon 573
(65 Min., 11/1966) 1 CD

Die Musik des Tenorsaxofonisten Albert Ayler und seines Bruders Donald dürfte auch heute noch die Free-Music-Gemeinde spalten, von der Ablehnung durch die Hardcore-Jazzer ganz zu schweigen. Während Ornette Coleman mit seinem harmolodischen Konzept zu immer klareren abstrakten Linienführungen vordrang und Cecil Taylor virtuose Komplexität bis an die Grenze durchschaubarer Wahrnehmbarkeit steigerte, war andererseits ein John Coltrane mit Pharoah Sanders zu kraftvoll hymnenhaftem Diskurs aufgebrochen, der sich linear über eine vom Beat zum Puls geöffneten Rhythmik vollzog.
Die Ayler Brüder dagegen zelebrierten eine andere Spiritualität. Riffartige fanfarenhafte Motive, die explizit auf die kreolische Tradition New Orleans zurückgriffen, wurden in freier Kollektivimprovisation mit vor hymnischer Ekstase fast berstendem Ton in immer neuen versetzten Wiederholungen vorgetragen. Dazu spielten Bass und Schlagzeug auf diesen Mono-Funk-Mitschnitten von Lörrach und Paris einen brodelnden Untergrund, der sich weitgehend zusammensetzte aus Bogen-Aktionen am Bass und etwas hölzern wirkenden Befreiungsversuchen des Schlagzeugs vom stampfenden Marschrhythmus. Die Aufnahmetechnik bei beiden Konzerten benachteiligt dazu den Drummer, sein Sound wird in einen dumpfen Brei eingedickt.
Zur kollektiven Antiphonik der Bläser spielt der klassisch geschulte Geiger Michel Samson eine Art minimalistisches Continuo im Diskant. In der Zeit, da sich die Jugend Frankreichs anschickte, aus den bourgeoisen Zwängen kollektiv auszubrechen, wirkte diese Form des Musikmachens wie der Ausdruck des schieren erträumten élan vital. Die begeisterte Rezeption war ihr sicher. Ältere Semester sprachen von "einer Heilsarmee-Kapelle auf dem LSD-Trip."
Wer sich ganz unvoreingenommen dieser Musik öffnet, hat vielleicht doch die Chance, dass ihm widerfahren möge, was einer der Titel aussagt: Spirits Rejoice. Ein anderer Titel thematisiert die Hybris, die man in dieser Musik auch finden mag: Spiritual Rebirth.

Thomas Fitterling, 27.06.2002



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