Wer die verbreitete Londoner Version des „Messiah“ gut kennt, der wird in der hier präsentierten Dubliner Erstaufführungsfassung von 1742 über so manches Unvertraute stolpern: Über die flüssige, rhythmisch rundere triolische Gestalt der „Rejoice“-Arie etwa, hier mit gediegener Klangschönheit und abgeklärter Ruhe vorgetragen von Dorothee Mields. Oder über den Komplett-Ausfall der spektakulären „But who may abide“-Arie, deren Text hier lediglich in ein Bass-Rezitativ gefasst ist. Die „He shall feed his flock“-Arie erklingt hier nicht aufgeteilt zwischen Sopran und Alt, sondern gehört allein Benno Schachtner, der mit seinem raumgreifenden Countertenor bei detailverliebt dezidierter Textdeklamation pure Wärme zu verströmen versteht. In gewohntem musikalischen Gewande ist hingegen der Jesaja-Text „Ev’ry valley shall be exalted“ als Tenorarie zu hören, sehr ebenmäßig und im Timbre dunkel leuchtend dargeboten von Benedikt Kristjánsson. Die Gaechinger Kantorey in einer 22er-Besetzung schließt an mit dem ebenfalls vertrauten „And the Glory of the Lord“-Chor, und auch hier herrscht ein unaufgeregt entspannter Tonfall vor. Rademann setzt, das hatten wir nicht anders erwartet, auf eine gemessene und durchaus kontrollierte, dabei stets entspannt musizierte Vermittlung der textlich-musikalischen Botschaft, nicht aber auf entfesselte Virtuosität und halsbrecherische Tempi. Selbst die Zorn-Arie „Why do the nations“ (in der Dubliner Version deutlich kürzer als gewohnt), von Tobias Berndt kernig-voluminös und mit feinem Martellato zelebriert, lässt einen nicht vom Stuhl aufspringen, sondern evoziert vor allem Bewunderung für die stupende Genauigkeit in der Umsetzung des Streichersatzes. „I know that my redeemer liveth“ gerät unter Rademanns besonnenen Händen und aus Dorothee Mieldsʼ goldener Kehle nicht zum Experimentierfeld für ausschweifendes Verzieren, sondern transponiert die Botschaft von der Auferstehung im Fleisch mit zuversichtlicher Ruhe und bewegender Warmherzigkeit. Es ist wohl müßig, darüber zu streiten, ob mit diesem umfassenden Verzicht auf sportliche Virtuosität Händels Intentionen erfüllt sind – wenn man bedenkt, dass der Komponist mit seinem Oratorienschaffen direkt an sein Opern-Unternehmertum, bei dem spektakuläre Effekte unbedingt zum Geschäft gehörten, anschließt, dann mag man wohl mehr äußerliche Effektfülle fordern wollen. Wünscht man sich aber eine konzentrierte Vermittlung der biblischen Botschaft, die das Libretto von Jennens ja genial aufbereitet, dann schätzt man Rademanns maßvolle, klanglich ebenso weite wie tiefenscharfe Herangehensweise.

Michael Wersin, 03.10.2020



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