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John Dowland

„A Fancy” (Lautenstücke)

Bor Zuljan

Ricercar/Note 1 RIC425
(66 Min., 2/2020)

„Die Melancholie überzog das elisabethanische England wie eine Epidemie.“ Mit dieser (natürlich wenig überraschenden) Diagnose beginnt der slowenische Lautenist Bor Zuljan in seinem Booklettext seine Reise durch das Leben und die Zeit von John Dowland. Und wenngleich Dowland von seinen Zeitgenossen als munterer Geselle beschrieben wurde, steht sein Name wie kaum ein Zweiter der englischen Renaissance eben für die damals grassierende Seelenfäulnis. Sein musikalisches Dowland-Porträt und damit zugleich Debüt-Album eröffnet Zuljan denn nun auch mit einer „Fantasie“, bei der einem erst einmal der Atem stockt. In die tosende Stille werden da wenige einzelne, aber tiefdunkle Noten hineingeträufelt, als gäbe es nie wieder ein Morgen. Rund sieben Minuten lang dauert dieses Drama, das zwar ständig ins Stocken gerät. Doch der tonschönen und warm klingenden Kopie einer achtchörigen Laute von Vendelio Venere aus dem Jahr 1582 entlockt Bor Zuljan dabei ein riesiges, das Genießerohr erfreuende Spektrum an Farbnuancen und Stimmungsbögen. Nun ist die Konkurrenz an repräsentativen Dowland-Einspielungen, die seit dem unlängst verstorbenen Julian Bream entstanden sind, ziemlich groß. Zuljan kann sich aber aus dem Stand heraus ganz oben einreihen. Denn in den insgesamt 18 Stücken von Dowland (darunter etwa solche „Hits“ wie „Can She Excuse“ und das tief in sich versunkende „Lachrimae“) weiß Zuljan nur allzu genau und gut, wie man diesen tiefen, reichen und oftmals komplex gestalteten Ausdruckswelten eben auch etwas Tröstliches abgewinnen kann. So mag das Abschlussstück „Farewell“ zwar mit ähnlich minimalistischer Wucht einschlagen, wie es das Eröffnungsstück getan hat. Aber mit seiner fabulösen Anschlagskultur verwandelt Bor Zuljan selbst diesen musikalischen Abschiedsgruß in Balsam fürs melancholisch strapazierte Gemüt.

Guido Fischer, 10.10.2020



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