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High Heart

Ben Wendel

Edition/Membran EDN1162
(45 Min., 1/2019)

Steht der Saxofonist Ben Wendel neuerdings auf Schmachtrock mit Aaaah-Vocals? Nach den ersten Tönen des Titelstücks „High Heart“ könnte es so scheinen, doch dann erweitert sich das Spektrum um skandinavisch inspirierte Saxofonmelodien, minimalistische Begleitfiguren und verschlungene, post-Brecker’sche Improvisationslinien. Anders gesagt: Die Musik passt in keine der gängigen Schubladen, zumal auch noch ein Schuss Romantik hineinspielt. Weiter geht es in „Burning Bright“ mit zappaesk verbundenen Keyboard-Vocal-Sounds, Bitches-Brew- und Return-To-Forever-Fender-Rhodes, M-Base-hippeligem Schlagzeug und allerlei mehr Bezugspunkten auf das 20. Jahrhundert – aber nicht in historisierender Reinform, sondern als Gedankenassoziation und akustisches, artifiziell überhöhtes Spiegelbild der Klang-, Ton- und Stilfluten, die einem jeden Tag begegnen.
Die Besetzung mit dem Vokal-Sänger Michael Mayo sowie den zwei Keyboardern Shai Maestro und Gerald Clayton, dem Kontrabassisten Joe Sanders und dem Drummer Nate Wood sorgt für ein ungewöhnliches, oft wimmeliges Klangbild. In „Kindly“ schleppen sie ein eher düsteres Motiv voran, und in „Less“ trifft ein langer, an den Klang in einem Kirchenschiff erinnernde Nachhall der Stimme auf klar definierte Klavierbegleitung. Dunkel rumort das Sextett in „Drawn Away“, wobei sich Wendel mit kürzelhaften Saxofonbrocken in den brodelnden Sud der Rhythmusgruppe mischt. In „Fearsome“ fallen sie mit Anklängen an indische Linienführung etwas länger aus – ein ungewöhnlicher Reflex auf die seit den 1980ern zunehmende Integration weltmusikalischer Elemente in Jazz und Pop. Einsam wie die Gesänge der Wale im Ozean schwebt Wendels Saxofon in „Darling“ über dem Teppich seiner Begleiter.
Was ist real? Was ist neu? Und was ist so alt wie die Menschheit selbst? Die acht Stücke umkreisen das Thema der künstlerischen Identität, ihrer Einmaligkeit und ihrer Bezugspunkte in einer unendlichen Fülle von Anregungen bis zum letzten Stück „Traveler“, das Stimme und eine einfache Klaviermelodie gegen klatschende Schläge auf Trommeln setzt. Aus dem Saxofon kommen nur noch Luftgeräusche: Ein Ende, das eigentlich keines sein sollte, den Grundgedanken der Disc aber auf eine archaisch anmutende, aber nur durch die Technik der Gegenwart festhaltbare Klangwelt konzentriert.

Werner Stiefele, 14.11.2020



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