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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Lullabies

Dave Brubeck

Verve/Universal 3514268
(42 Min., 2011)

Das nachgelassene Album beginnt dort, wo Dave Brubeck gerne seine Konzerte beendete: Bei Johannes Brahms und seinem Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht“. 2011, ein Jahr vor seinem Tod, hatte sich Brubeck zum letzten Mal für eine Solo-Studioaufnahme an seinen Flügel gesetzt, um das Stück gemeinsam mit weiteren Schlafliedern für seine Enkel einzuspielen.
Doch von Trauer und Abschiednehmen ist auf der eigentlich für den privaten Familiengebrauch gedachten „Lullabies“-Zusammenstellung, die anlässlich des 100. Geburtstags des Pianisten am 6. Dezember 2020 nun auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, nichts zu spüren. Verspielt und heiter brachte der damals 91-Jährige Standards und Selbstgeschriebenes zum Glühen wie einen freundlichen Stern an einem mondbeschienenen Abendhimmel. „Over the Rainbow“ ist da zu vernehmen, „Summertime“ oder „Danny Boy“ – allesamt Gassenhauer, die dank Brubecks reharmonisierender Finesse ihre gewöhnlichen Straßenkleider gegen feine Seiden-Pyjamas tauschen.
So ganz nebenbei erzählt „Lullabies“ aber auch davon, was den Musiker und Menschen Brubeck ausmachte. Vor allem die fünf Eigenkompositionen berichten davon: „Softly, William, Softly” etwa mit seinem leichten Westerneinschlag im Thema erinnert an Brubecks Kindheit als Sohn eines Viehfarmers. Es heißt, dass die ungeraden Rhythmen der Pferdehufe seine Liebe für ungewöhnliche Taktarten weckten, die zu dem Album-Klassiker „Time Out“ mit Hits wie „Blue Rondo à la Turk“ oder „Take Five“ führte.
„Going to Sleep“ wiederum lässt mit seinen schimmernden impressionistischen Akkorden Brubecks Beeinflussung von seinem Lehrer Darius Milhaud oder Claude Debussy durchscheinen und bekräftigt seine Rolle als einen der wichtigsten Brückenbauer zwischen den Welten von Jazz und Klassik.
Während „Lullaby For Iola“ mit seinem Basslauf à la Bach noch einmal Brubecks Zuneigung für die europäische Musiktradition kanalisiert, zeigt der Pianist mit Anklängen an den Stride-Stil in der Louis-Armstrong-Erkennungsnummer „When Itʼs Sleepy Time Down South” aber auch deutlich seine tiefe Verehrung für die schwarzen Gründerväter des Jazz. Und wer Brubeck als einen der Paten der Weltmusik sehen will, wird bestätigt mit der Solo-Version des „Koto Songs“, dessen fernöstliche Pentatonik 1964 zum ersten Mal auf der Quartett-Einspielung „Jazz Impressions of Japan“ zu hören war.
„Lullabies“ macht uns nun alle zu Familienmitgliedern des großen Vermittlers, der am 5. Dezember 2012 endgültig in den Musikhimmel aufstieg. Mögen wir seine Menschlichkeit und Zugewandtheit in den Herzen bewahren wie unsere Schlaflieder aus der Kindheit.

Josef Engels, 04.12.2020



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