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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Who Are You?

Joel Ross

Blue Note/Universal 0712749
(69 Min., k. A.)

Wenn es der Rezensent richtig verstanden hat, soll man sich das zweite Album des in Chicago geborenen und seit 2015 in Brooklyn lebenden Jung-Vibrafonisten Joel Ross in etwa wie eine Serie auf Netflix vorstellen: Die ersten sieben Stücke dienten dazu, das Setting und die einzelnen Charaktere vorzustellen, heißt es im Beipackzettel; Teile 8 bis 15 seien dann überraschenden Wendungen in der Handlung vorbehalten.
Auch wenn sich diese Aussagen beim Hören nur bedingt verifizieren lassen, so stimmt eines auf jeden Fall: Der Mittzwanziger erprobt mit seiner Band Good Vibes höchst erfolgreich Erzählmodelle, die zeitgemäßer erscheinen als die des Mainstream-Jazz, dessen Geschichten in ihrer Abfolge von Thema-Soli-Thema doch sehr an lineares Fernsehen erinnern.
Die Kompositionen von Ross und seinen Band-Mitgliedern (Altsaxofonist und Shootingstar Immanuel Wilkins, Pianist Jeremy Corren, Kontrabassistin Kanoa Mendenhall sowie Drummer Jeremy Dutton) bewegen sich auf „Who Are You?“ nicht geradlinig von Höhepunkt zu Höhepunkt, sondern winden sich schlangengleich in konzentrischen Kreisen. Und da braucht es dann wie in der sich majestätisch entfaltenden Eröffnungsnummer „Dream“ oder in dem sachte in Richtung Chick Corea weisenden „Such Is Life“ gegen Album-Ende auch keinerlei explizites Solo. Die Charaktere führen vielmehr gleichberechtigt ein Gespräch.
Als originelles Gimmick mag zunächst die Hinzunahme der Harfenistin Brandee Younger bei fünf Stücken wirken. Doch mit ihr sorgt Ross nicht nur für mehr klangliche Diversität, sondern gibt bei ihrem ersten Auftreten auch ein klares Statement ab: Mit dem brodelnden „After the Rain“ verbeugt sich der Mittzwanziger an den Mallets gleichermaßen vor John und Alice Coltrane wie vor den Narrativen der Jazz-Avantgarde.
Und ja, bei Ross und den Seinen hört man den nervösen Puls eines Steve Coleman genauso wie die Offenheit für folkpoppige Motive, die jemand wie Joshua Redman beispielsweise in der Formation James Farm zeigt. Auch Ornette Colemans Liebe für krumme Turnarounds ist zu vernehmen. Am wichtigsten aber wiegt, dass hier eine verschworene Gruppe dicht und ohne Hierarchie miteinander interagiert – treibende Schlagzeugkaskaden verweben sich mit oftmals dialogisch angelegten Solo-Ausbrüchen von Klavier, Altsax und Vibrafon zu Erzählungen, denen man höchst gespannt folgt. Da können gerne weitere Staffeln folgen!

Josef Engels, 26.12.2020



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