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Franz Liszt, Johannes Brahms, Mel Bonis, Helmut Lachenmann u. a.

„Good Night!“ (Klavierstücke)

Bertrand Chamayou

Erato/Warner 9029524243
(55 Min., 2/2020)

Wir nehmen jetzt mal nicht an, dass dieses Album mit dem Titel „Good Night!“ Bertrand Chamayous Kommentar zur Situation der Kultur in Corona-Zeiten ist. Allein das Aufnahmedatum Ende Februar 2020 spricht dagegen – Chamayou hätte ein Hellseher sein müssen. Auch handelt es sich beim eingespielten Repertoire nicht etwa um sarkastische Untergangsprophezeiungen, sondern vielmehr um eine insgesamt ansprechende Sammlung von Wiegenliedern. Sammelt man Stücke dieses Genres, dann kann man sich natürlich Johannes Brahmsʼ berühmtes Exemplar nicht entgehen lassen – glücklicherweise liegt es in einer geschmackvollen Transkription von Max Reger vor, die Chamayou effektvoll zu präsentieren versteht: Reger hat die ursprünglich dem Gesang vorbehaltene Melodie geschickt in das Synkopengeflecht der Klavierbegleitung eingebettet. Am Beginn der Trackliste sticht Frédéric Chopins Berceuse op. 57 ins Auge, auch sie ein Stück mit hohem Wiedererkennungswert. Dazwischen nimmt uns Chamayou mit auf eine Reise durch weitgehend unbekanntes Repertoire: Helmut Lachenmanns „Wiegenmusik“ von 1963, die sich als Geflecht von Clustern und kleinen melodischen Ereignissen vor allem im Diskant des Klavieres abspielt, ist eine echte Entdeckung – allerdings existiert bei YouTube eine Einspielung von Pierre-Laurent Aimard, die noch weit zarter und einfühlsamer ist als diese hier. Auch programmatisch ist nicht alles über jeden Zweifel erhaben: Gerade die Schlussnummer des Programms, Charles-Valentin Alkans „J’étais endormie…“ operiert eher mit Langeweile als Mittel zum Einschlafen, man versteht Robert Schumanns negatives Urteil über diesen französischen Klaviervirtuosen. Hört man das ganze Album, dann wirkt die Abwesenheit jeglicher Virtuosität und die zumindest zeitweilige Konzentration auf spieluhrenhafte Klänge tatsächlich ein wenig ermüdend, obwohl manches interessante Stück die Aufmerksamkeit des Hörers weckt. Kein Zweifel, die Wiegenlieder machen ihren Job. Hier zeigen sich die Grenzen des Konzeptes, und man bleibt mit leicht ambivalenten Gefühlen zurück.

Michael Wersin, 02.01.2021



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