Als am Vorabend der großen Beethoven-Sause 2020 vermeldet wurde, dass Reinhard Goebel sich ebenfalls diskografisch in die Feierlichkeiten einreihen will, wusste man sofort: Beethoven-Programme von der Stange wird dieser Dirigent mit seinem immer noch blendend funktionierenden Näschen für Raritäten nicht bieten. Rückblickend hat sich daher jede CD-Veröffentlichung im Rahmen des Ausnahmeprojekts „Beethovens Welt“ als Wundertüte entpuppt. Schließlich hat Goebel mit immer auch namhaften Solisten und auf musikalisch exquisitem Niveau eine Lanze für heute wenig beachtete Beethoven-Zeitgenossen wie Anton Eberl und Joseph von Eybler gebrochen. Und wenn schon Beethoven auf dem Programmzettel stand, dann kaum Gespieltes. Wie jetzt bei der fünften und abschließenden Folge, die mit dem „Allegro con brio“-Satz des lediglich fragmentarisch überlieferten Violinkonzerts aus Beethovens Bonner Zeit eröffnet wird. Mit ihrem herrlich leuchtenden Geigenton erweist sich Sarah Christian als ideale Fürsprecherin für dieses viertelstündige und ausdrucksintensive Reifewerk des 22-Jährigen. Darauf folgen Kompositionen dreier tschechischer Meister. Das Konzert für zwei Bratschen und Orchester stammt von Anton Wranitzky, der unter anderem als Konzertmeister die ersten Aufführungen von Beethovens „Eroica“-Sinfonie leitete. Besonders in der anziehend lauschigen, langsamen „Romance“ singen die beiden Solisten Nils Mönkemeyer und Teresa Schwamm auf ihren Instrumenten derart herzzerreißend dahinschwebend um die Wette, als wärʼs ein Stück von Mozart. Auf das „Solo de Cor Alto“ für Horn und Orchester aus der Feder des Beethovenschen Jugendfreundes Anton Reicha (mit Christoph Eß) folgt ein völlig unbekanntes Tripelkonzert. Jan Václav Voříšek schrieb 1820 dieses „Grand Rondeau Concertant“ für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester op. 25, das direkt mit einer Art Rossini-Tusch auf sich aufmerksam macht. Das nachfolgende Lento ist mehr als nur ein intimes Gespräch zwischen Yaara Tal (Klavier), Stephan Koncz (Violoncello) und Sarah Christian. Tatsächlich besitzt dieser langsame Satz selbst im Halbdunkel kostbarste Farben, die man bisweilen in Beethovens Geschwisterwerk vermisst. Das nachfolgende „Allegro“ erweist sich dann als facettenreiche, nicht nur unbekümmert nach vorne pulsierende Unterhaltungsmusik, an der das Münchner Rundfunkorchester und die (anspruchsvolle) Frohnatur Goebel ebenfalls hörbar Spaß gehabt haben. Ein gelungener Abschluss dieser etwas anderen Beethoven-Hommage.

Guido Fischer, 30.01.2021



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