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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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„12 Stars“

Melissa Aldana

Blue Note/Universal 3882780
(45 Min., 5/2021)

Die Pandemie, die daraus resultierenden Unsicherheiten für Musikerinnen und Musiker, eine zerbrechende Ehe: All das meint man aus „Falling“, der ersten Nummer von Melissa Aldanas Debüt für Blue Note, heraushören zu können. Ein unruhig pochender Bass liefert da die Grundlage für ein sprunghaft wanderndes Thema, das von nebulös wabernden Soundeffekten der Gitarre begleitet wird. In ihrem Solo wandert die Tenorsaxofonistin, die 2013 die prestigereiche Thelonious Monk International Jazz Saxophone Competition gewann, immer wieder insistierend ins höchste Register, während sich bei dem anschließenden Alleingang des Klaviers alles aufzulösen scheint. Dennoch fällt nichts auseinander, es wirkt alles nur seltsam verschoben.
Oft beschleicht den Hörer von „12 Stars“ das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden. Was an den Kompositionen Aldanas liegt, die einerseits an Vertrautes aus den Bereichen des Modern Jazz und der lateinamerikanischen Musik erinnern, andererseits einer ganz eigenen, nicht vorhersehbaren Logik folgen. Durch das sensible Agieren von Aldanas Mitstreitern – Produzent Lage Lund an der Gitarre, Sullivan Fortner an Piano und Fender Rhodes, Pablo Menares am Bass und Kush Abadey am Schlagzeug – bleibt diese delikate Balance während der gesamten Aufnahme bestehen, ohne ins Esoterische abzukippen. Angesichts des Bekenntnisses der in New York lebenden Chilenin, dass sie sich beim Schreibprozess von Tarotkarten beeinflussen ließ, ist das durchaus eine Leistung.
Wobei Aldana mit ihrem vollen Ton und ihren wendigen Linien ohnehin nichts Ätherisches an sich hat. Selbst, wenn sie in ihren Stücken schwierige Themen verarbeitet – der skandalöse Umgang der chilenischen Polizei mit der Protestbewegung Estallido Social, ihr ambivalentes Verhältnis zu einer möglichen Mutterschaft – verliert die 33-Jährige nie die Fassung und soliert selbstbewusst mit einem Faible für Diskant-Ausflüge. Und so erinnert Aldanas hellwaches Album voller Nachtgesichter in vielerlei Hinsicht an ein anderes Blue-Note-Debüt: an Wayne Shorters „Night Dreamer“. Zweifellos ein Einstand, von dem man nur träumen kann.

Josef Engels, 26.03.2022



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