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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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„Bucharest 1994“

Eugen Cicero, Decebal Badila

In + Out/Edel 1071472IO2
(70 Min., 8/1994)

Seine für MPS eingespielte Schallplatte „Rokoko-Jazz“ verkaufte sich über eine Million Mal, in den westdeutschen Samstagabendshows der 1960er und -70er Jahre war er ein fester Bestandteil. Und dennoch kennt man den fantastischen Pianisten Eugen Cicero heute nur noch – wenn überhaupt – als Vater von Roger Cicero. Doch es sieht so aus, als entdecke man den 1940 in Rumänien geborenen Vermittler zwischen Klassik und Jazz gerade wieder. Am 24. März 2022 kam die Dokumentation „Cicero: Zwei Leben, eine Bühne“ in die Kinos, die im Rahmen eines Doppelporträts vom Vater am Klavier und dem singenden Sohn erzählt. Und nun erscheint mit „Bucharest 1994“ ein verschollen geglaubter Mitschnitt eines Konzerts, das für Eugen Cicero in mehrfacher Hinsicht von großer Bedeutung war.
Zum einen handelte es sich bei dem Auftritt im August 1994 um Ciceros erstes Konzert in der Hauptstadt seines Geburtslandes, aus dem er 1962 via Ostberlin in den Westen geflüchtet war. Zum anderen lernte er dort durch Glück im Unglück sein lange gesuchtes Alter Ego kennen – in Form des 26-jährigen rumänischen E-Bassisten Decebal Badila, der an dem Abend im Sala Radio spontan für Ciceros verhinderte Trio-Partner einsprang.
Es war ein Geschenk des Himmels, weil der junge Bassist ein großer Fan des deutsch-rumänischen Klaviervirtuosen war und sich dementsprechend bestens vertraut mit dessen Musik zeigte. Und so kann man nun zwei seelenverwandten musikantischen Ausnahmekönnern dabei zuhören, wie sie mal leichtherzig schwingende, mal erdig solide Übergänge schaffen zwischen Gershwin, Mozart, Scarlatti, Oscar Peterson, Liszt oder Art Tatum. Der eine lässt seine Finger über die Tastatur rasen wie ein Paganini des Klaviers (nicht umsonst beendet eine von Liszts Paganini-Etüden die Aufnahme, freilich mit einem ordentlichen Schuss von Miles Davis’ „Milestones“), der andere ersetzt mit knackigen Deadnotes und sonorem Schnurren Schlagzeug oder Streicher.
So sehr man aus heutiger Sicht auch mit Ciceros Easy-Listening-Assoziationen hervorrufender Crossover-Kunst fremdeln darf, die keinerlei Berührungsängste mit Klassik-Gassenhauern zeigt – es ist schon ein Ereignis, wie der Pianist und der Bassist auf „Bucharest 1994“ selbst Totgenudeltes wie Mozarts Andante aus dem 21. Klavierkonzert oder dessen „Ah, vous dirai-je, Maman“-Varianten schlüssig und frisch in boppig-swingende Jazzangelegenheiten zu verwandeln vermögen, inklusive Tapping-Solo vom Bass und funky Blues-Einsprengseln à la Herbie Hancock. Es ist nach diesem Einstand jedenfalls kein Wunder, dass Cicero bis zu seinem frühen Tod 1997 mit keinem anderen Bassisten mehr arbeiten wollte.

Josef Engels, 02.04.2022



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