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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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„Bells on Sand“

Gerald Clayton

Blue Note/Universal 4527726
(43 Min., 2021)

Es gehört schon sehr viel Mut dazu, seinen Einstand bei Blue Note mit einem Live-Album aus dem Village Vanguard zu begehen. Doch was der Pianist Gerald Clayton auf seiner zweiten Einspielung für das Legendenlabel nach dem intensiven Konzertmitschnitt „Happening“ aus dem Jahr 2020 macht, zeugt von noch mehr Risikobereitschaft. Weil „Bells on Sand“ unglaublich feingliedrig und zurückhaltend daherkommt und dabei öfters komplett das Jazzterrain verlässt.
Geheimer Gravitationspunkt der Aufnahme ist nämlich die Beschäftigung des Pianisten mit dem 1987 verstorbenen katalanischen Komponisten Frederic Mompou. Dessen Schweben zwischen französischem Impressionismus und iberischer Schwermut evoziert Clayton mehrfach. Zunächst ganz direkt, indem er die Mompu-Werke „Elegia“ und „Damunt de tu només les flors“ notengetreu wiedergibt und auf improvisatorische Ornamentik völlig verzichtet.
Die Hauptrollen gesteht der gefühlvolle Begleiter anderen zu: seinem Vater John Clayton, der seinen Bass mit dem Bogen zum sehnsuchtsvollen Summen bringt, sowie der Sängerin Maro. Die junge Portugiesin ist mit ähnlich großer Fado-Intimität ebenfalls auf dem Duett „Just a Dream“ an der Seite des Pianisten zu hören. Claytons große Stärke im Zwiegespräch prägt auch das mit acht Minuten längste Stück auf dem Album. Bei der erhebenden „Peace Invocation“ flankiert der 38-Jährige die Saxofonstimme seines 84-jährigen Mentors Charles Lloyd mit sanften pianistischen Wirbelstürmen.
Hier wird besonders schön die Vorgabe der Platte erfüllt, die laut Clayton so etwas wie eine Meditationsübung über die Mehrdimensionalität der Zeit ist – die immer noch tätig wirkende Vergangenheit verbindet sich mit der Imaginationskraft der Gegenwart, um Ausblicke in die Zukunft zu gewähren. Ein Prinzip, das auf „Bells on Sand“ auch in den zwischen NuSoul und Neuer Musik variierenden Auseinandersetzungen mit Schlagzeuger Justin Brown zu vernehmen ist sowie bei den zwei Klavier-Solo-Bearbeitungen des Standards „My Ideal“. Immer wieder zeigt sich Gerald Clayton da als jemand, der ausgetretene Pfade verlässt und mit reifer Neugier auf seine eigene innere Stimme hört. Beeindruckend.

Josef Engels, 21.05.2022



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